Politik & Gesellschaft

Arbeitsamt oder Jobcenter?

Ich habe eine Weile gebraucht, um mich durch den Namenswirrwar der Ämter zu schlagen, die irgendetwas mit Arbeitsvermittlung und Zahlung von Leistungen an Arbeitssuchende zu tun haben. Und es war gar nicht so einfach.

Also: es gibt die Bundesagentur für Arbeit, kurz BA oder auch nur Arbeitsamt genannt. Sie soll Sozialleistungen am Arbeitsmarkt erbringen, z.B. Leistungen der Arbeitsvermittlung und -förderung sowie finanzielle Entgeltersatzleistungen, also das Arbeitslosengeld I.

Das Jobcenter ist für die Durchführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende zuständig, also für das ALG II – kurz auch Hartz IV genannt – und eine Behörde des Landkreises oder einer kreisfreien Stadt.

Das wäre also erst einmal geklärt. Beide Behörden sitzen oft im gleichen Gebäude. Das ist sinnvoll, man kann so Kräfte bündeln, Kosten sparen und der ALG-I-Empfänger, für den die Bundesagentur für Arbeit bei der Arbeitsvermittlung nicht erfolgreich war, kann im selben Gebäude gleich seinen ALG-II-Antrag stellen. Das ist praktisch, denn so muss sich der neue Hartz-IV-Empfänger keine neuen Wege merken, sich nicht erst wieder durch ein labyrinthartiges Gebäude suchen und steht dem Arbeitsmarkt somit sofort mit voller Kraft und Elan zur Verfügung.

Der Name Jobcenter übrigens geht zurück auf einen Vorschlag der Hartz-Kommission. Ach ja, Peter Hartz, schon fast vergessen. Der Mann, der für Kanzler Schröder alles neu regelte. Besser sollte es werden, einfacher, vor allem für die Betroffenen. Besser ist es auch geworden, für den Staat, für die Betroffenen kaum. Und war da nicht noch was? Illustere Reisen des ehemaligen VW-Vorstandes und Veruntreuung von Firmengeldern? Man will ja nichts Böses nachreden, aber es hat schon einen faden Geschmack, dass ein Gesetz in Deutschland nach einem rechtskräftig verurteilten Straftäter benannt ist. Oder ist das bezeichnend?

Zurück zum Amt. Beide sitzen also in Leipzig im selben Gebäude, an der Tür zum Hauptzugang prangt der tolle Begriff „Jobcenter“. Man fühlt sich als potenzieller ALG-I-Empfänger irgendwie benachteiligt. Oder soll man den Hintereingang benutzen? Die helle Empfangshalle wartet mit zahlreichen Schaltern auf, über denen Schilder verweisen, was man am jeweiligen Schalter erledigen könne. ALG II, ALG II, ALG II … mehrfach hintereinander nur Schalter für ALG II. Ganz zum Schluss kommt dann der Schalter für den Rest.

Das hat System. Ruft man beim – ähm Jobcenter oder wars doch die Bundesagentur – an, fordert eine freundliche Frauenstimme dazu auf, eine Nummer zu wählen für ein bestimmtes Anliegen. Erster Hinweis: „ Haben Sie Fragen zum Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, dann drücken Sie bitte die Taste…“. Schon wieder ALG II vor ALG I, dabei kommt die 1 vor der 2.

Zufall? Absicht? Wer weiß. Vielleicht ist es gar nicht gewollt, dass ALG-I-Empfänger wieder in geregelte und auskömmliche Arbeit kommen. Man will sie nur nicht gleich zum ALG-II-Schalter durchreichen. Das erspart deprimierte Gesichter.

Es ist schon merkwürdig, dass eine deutsche Behörde, die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, einen englischsprachigen Namen trägt. Ach so nein, ist ja Quatsch. Wir sind ja international und Global Player. Der ALG-II-Empfänger soll fit gemacht werden für den Weltmarkt. Jetzt hab ichs verstanden.

Ein Tipp noch zum Schluss. Sollten Sie vorhaben, aus welcher Situation heraus auch immer, sich selbstständig zu machen, zur Überbrückung der Aufbauphase auf Unterstützung der Bundesagentur für Arbeit hoffen, weil Sie ja auch jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben – vergessen Sie es. Für Menschen die mit Mut, einem klaren Ziel und einer eigenen Meinung ihr Leben in die Hand nehmen und für sich selbst sorgen wollen, ist das Arbeitsamt nicht zuständig.

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