Politik & Gesellschaft

Architektur und Symbol – Arbeitsamt oder Gefängnis

Die Bundesagentur für Arbeit in Leipzig

Seit der Mensch intellektuell und technisch in der Lage ist, Steine übereinander zu schichten und daraus Häuser zu bauen, nutzt er diese Fähigkeit, um Zeichen zu setzen. Schon die frühen Hochkulturen hinterließen uns eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Baukunst, angefangen von gigantischen Tempelanlagen, über Paläste bis zu Pyramiden.

Architektur ist Symbol. Sie symbolisiert das, was der Auftraggeber zum Ausdruck bringen möchte und was der Baumeister fähig ist, zu leisten.

Seit Jahrtausenden hinterlassen uns die Menschen die steinernen Zeugnisse ihres Darstellungsbedürfnisses. Bauen hat schon immer etwas mit Geld, Machtanspruch, Geltungsbedürfnis und Wirkung zu tun.

Je älter die Kultur, desto weniger Gebäude der einfachen Bevölkerung sind erhalten geblieben. Dauerhaft bauen heißt, aus Stein bauen, oder heute auch aus Beton, Stahl und Glas. Vergängliche Baustoffe, wie Holz und Lehm, eignen sich kaum dazu, sich im Weltgedächtnis zu behaupten. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es dauerte mehrere tausend Jahre, bis sich das Darstellungsbedürfnis in der Architektur in fast allen Schichten der Bevölkerung durchgesetzt hatte.

Der Höhepunkt war gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreicht, als selbst dunkle und feuchte Mietskasernen mit schlechten hygienischen Bedingungen prachtvolle Fassade des Historismus erhielten.

Der Schnitt kam nach dem 1. Weltkrieg, als Bewegungen, wie das Bauhaus, dem Darstellungs- und Gestaltungswahn ein Ende bereiteten. Sie unterwarfen die Architektur der Nutzung: „Die Form folgt der Funktion“ lautete ihr Motto.

Reine Zweckbauten, die mehr funktional als repräsentativ geplant und ausgeführt waren, gab es aber auch schon früher: z.B. Gefängnisbauten im 19. Jahrhundert. Nach außen abweisend und schlicht sollten sie sagen: „Hier kommt man zwar schnell rein, aber nicht so schnell wieder raus“.

In ihrem Inneren folgten Sie den Anforderungen, die der Gefängnisalltag mit sich brachte: ein Mittelgang, durch einen Lichthof geteilt, daran anschließend die Zellen. Zur Sicherheit brachte man in den einzelnen Etagen der Lichthöfe Gitter an, um Selbstmördern vorzubeugen. Zwei Gänge waren praktisch, man konnte die Insassen teilen und es gab Ausweichmöglichkeiten. Lichthöfe ermöglichten die Beleuchtung der Gänge in einer Zeit, in der der elektrische Strom gerade erst entdeckt wurde.

Dieses Grundprinzip liegt auch anderen Zweckbauten zugrunde, z.B. Bürohäusern – Gang und rechts und links Zimmer und es gibt auch Wohnhäuser mit dieser Grundrissgestaltung.

Die spezielle Eigenart – der geteilte Mittelgang mit Lichthof, den gibt es aber nur in Gefängnissen – dachte ich bisher.

Weit gefehlt. Die Bundesagentur für Arbeit hat sich in Leipzig ein neues schickes Verwaltungsgebäude gegönnt. Als ich dieses zum ersten Mal betrat und die Treppe ins Obergeschoss hinaufging, glaubte ich meinen Augen kaum zu trauen. Da war es, jenes Grundprinzip der Grundrissgestaltung, das ich bisher nur Gefängnissen zugetraut hatte: ein breiter Mittelgang, geteilt durch Lichthöfe und rechts und links die Zellen – ähm, Entschuldigung, die Büros. Auf die etagenweise Vergitterung der Lichthöfe hat man verzichtet, man traut ALG I-Empfänger wohl keinen Selbstmord zu.

„Warum“, so fragte ich mich, „baut man so?“ Nun, man könnte die praktischen Vorteile nennen: Ein offener Gang, lichtdurchflutet, wirkt freundlich. Auf zwei Fluren lassen sich die Besucher besser verteilen. Aber irgendwie wurde ich das befremdliche Gefühl nicht los. Was haben ein Gefängnis und das Arbeitsamt gemeinsam? Auf den ersten Blick – nichts. Man geht freiwillig hin – mehr oder weniger – und man darf auch wieder raus. Die Angestellten tragen keine Uniformen, auch wenn man bei manchem das Gefühl hat, er täte es gerne.
Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Die immer gleichförmigen Abläufe, Ernüchterung bei den Antragstellern angesichts der immer größer werdenden Papierflut, Hürden und Hindernisse. Frustration bei den Angestellten angesichts der wachsenden Bürokratie. Also liegt dem Planungsentwurf für das Gebäude doch ein Hintergedanke zugrunde? Der Antragsteller – im übertragenen Sinne also der Gefangene – wird von einer überbordenden, kleinlichen, an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigehenden, von Misstrauen geprägten staatlichen Überwachungsanstalt „gefangen“ genommen und sein Leben plant ab sofort der Staat.

Der Angestellte hingegen ist Befehlsempfänger, führt aus, was man ihm sagt, fragt nicht, denkt nicht, macht Dienst nach Vorschrift und ist nicht zuständig, vor allem nicht für die wahren Bedürfnisse der Antragsteller.

Wie könnte man ein solches „Betriebsprogramm“ wohl besser umsetzten, als in einem Gebäude, dass durch seine Raumaufteilung die Grundgedanken Demütigung, Überwachung und Kontrolle noch unterstreicht?

Liebe Bundesagentur für Arbeit, liebe Architekten, ihr habt alles richtig gemacht.

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