Spaß & Satire

Zwei Wochen Böhmermann-Republik Deutschland

Seit zwei Wochen beherrscht gefühlt nur noch ein Thema die Medienwelt und öffentliche Meinung Nach – das Schmähgedicht von Jan Böhmermann. Ich fasse mal zusammen:

Das liest ein mittelmäßig begabter Komiker zu später Stunde in einem Nebenkanal eines öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsenders ein Gedicht über einen ausländischen Staatspräsidenten vor und beschreibt den Zustand dessen Geschlechtsorgane und seine sexuellen Vorlieben. Im gleichen Atemzug sagt der Satiriker, dass das, was er da gerade vorliest, in Deutschland verboten ist und gibt damit zu, vorsätzlich eine Straftat zu begehen. Vor einhundert Jahren hätte das ausgereicht, einen Krieg vom Zaun zu brechen.

Der Beleidigte macht aus dem Gedicht einen Staatsakt und fordert von der deutschen Regierung die Strafverfolgung des Übeltäters und schiebt gleich noch eine Privatklage nach. In Deutschland beginnt das große Erwachen und die Erkenntnis setzt sich durch, dass es da einen Paragraphen im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt, der vor über 100 Jahren gegen Majestätsbeleidigung eingeführt wurde, später einen demokratischeren Namen erhielt und seit Jahrzehnten unbemerkt im BGB vor sich hin dämmerte. In trauter Einigkeit fordern Politiker nun, dass dieser Paragraph, den wohl 99,9% der Deutschen gar nicht kannten, abgeschafft werden müsse. Warum ist das in all den Jahren vorher keinem aufgefallen und vielleicht sollte man bei der Gelegenheit das BGB nach anderen, überflüssigen Paragraphen durchforsten.

Die deutsche Regierungschefin kam in Zugzwang und erklärte die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit zum unerschütterlichen gesellschaftlichen Gut und tut erst einmal tagelang das, was sie auch bei anderen Probleme am besten kann – abwarten, um wenige Tage später die Klage gegen den Schmähgedichtverfasser zuzulassen und die Verantwortung damit an die Gerichtsbarkeit zu übergeben – dahin, wo sie von Anfang an hingehört hätte, zumindest sofern man an die Gewaltenteilung in Deutschland glaubt.

Die Europäische Union zeigt im Fall des Satirikers eine in den letzten Monaten in der Flüchtlingsfrage nicht zu erkennen gewesene Einigkeit, stellt sich auf die Seite des Satirikers, von dem alle zuvor wahrscheinlich noch nie etwas gehört hatten.

Künstler des Landes verfassen einen Unterstützungsbrief für den öffentlich-rechtlichen Gedichteschreiber und fordern von der Justiz eine Einstellung des Verfahrens. Ein Akt, der den Künstlern gar nicht zusteht. Hier sei noch einmal gesagt, dass der Fernsehlyriker ja selbst gesagt hatte, dass das, was er tut, in Deutschland verboten ist.

Der Beleidigte schlägt inzwischen innenpolitisches Kapital aus der inszenierten Affäre, während die deutsche Regierungschefin und die gesamte Europäische Union immer mehr unter Druck geraten, könnte die Sache Böhmermann doch in der europäisch-türkischen Flüchtlingsschacherei zum gefährlichen Stolperstein werden. Der Beleidigende ist erst einmal untergetaucht. Das ist wohl auch das Beste, was er tun konnte.

Sein Arbeitgeber erklärt inzwischen, dass man mit ihm durch alle Instanzen gehen will. Aha, wir erinnern uns. Der Untergetauchte Angestellte hat selbst erklärt, mit der Verlesung des schmählichen Gedichtes eine Straftat begangen zu haben. Aber es gilt ja in Deutschland die Unschuldsvermutung.

Politiker der sogenannten Volksparteien werden indes nicht müde, im Fernsehen ihr Unverständnis über die Maßnahmen des Beleidigten zu äußern. Nun stelle man sich vor, diese Damen und Herren wären derart schmählich beleidigt worden. Würden sie sich dann auch mit solchen Äußerungen ins deutsche Fernsehe setzen?

Nun folgt also der juristische Akt. Viel rauskommen wird dabei nicht. Bei einer Verurteilung droht dem Beleidiger eine verkraftbare Strafe. So zumindest die Meinung der eilig ins Fernsehen gezerrten Rechtsexperten. Wozu also die ganze Aufregung? Was will der Kläger erreichen? Zumal selbiger ja anstrebt, Mitglied im elitären Europaclub zu werden? Fehlt es da etwa an Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl? Nun, man weiß es nicht. Will er beweisen, dass seine Geschlechtsteile doch größer sind, als vom Gedichteschreiber benannt?

Freuen wir uns also auf die Fortsetzung der Politkomödie „Mister E. gegen die Festung Europa“.

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Autor: Mirko Seidel am 17. Apr 2016 19:55, Rubrik: Spaß & Satire, Texte & Gedanken, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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