Burnout

Burnout: 3-Phasen-Modell

Burnout 3-Phasen-Modell

Burnout beschreibt einen Prozess, der sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Er ist geprägt von einem allmählichen Abstieg, der schließlich zum Absturz führt. Der Weg vom Tiefpunkt zurück in ein sinnerfülltes Leben ist der letzte und wahrscheinlich entscheidende Teil des Burnoutprozesses.

Der Begriff Burnout taucht in den 1970er Jahren in den USA in der Öffentlichkeit vermehrt im Zusammenhang mit Pflegeberufen auf. Bereits im Jahr 1960 erscheint der Roman von Graham Greene „A Burn-Out Case“, in dem ein desillusionierter Architekt seinen Beruf aufgibt, um im afrikanischen Dschungel zu leben.

Der amerikanische Psychologe Herbert J. Freudenberger schrieb die ersten wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema im Jahr 1974, ihm folgt 1976 die Sozialpsychologin Christina Maslach. Diese grundlegenden Arbeiten beschreiben das Burnout-Syndrom als Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf mit drei Dimensionen:

  1. eine überwältigende Erschöpfung durch fehlende emotionale und physische Ressourcen (Energien) als persönlicher Aspekt,
  2. Gefühle des Zynismus und der Distanziertheit von der beruflichen Aufgabe als zwischenmenschlicher Aspekt,
  3. ein Gefühl der Wirkungslosigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit als Aspekt der Selbstbewertung.

Als besonders betroffene Berufe werden diejenigen benannt, die es mit Menschen zu tun haben, die sich in emotional belastenden Situationen befinden.

Lange Zeit wird Burnout als Managerkrankheit bezeichnet. Erst in den 1990er Jahren wurde der Begriff auch mit zahlreichen anderen Personengruppen in Verbindung gebracht. Dazu zählen unter anderem Politiker, Sportler, Forscher oder Langzeitpflegende. Auch wenn diese Ausweitung auf andere Berufsgruppen zum Teil kritisch gesehen wird ist festzustellen, dass Burnout heute längst keine, auf bestimmte Personen- oder Berufsgruppen beschränkte Erscheinung mehr ist, sondern sich durch fast alle Schichten der Gesellschaft zieht.

Seit den späten 1990er Jahren wird Burnout immer mehr zur Modediagnose, obwohl Burnout als Krankheit laut ICD 10 gar nicht existiert. Eine klare Definition, was Burnout ist, ob und wie es sich zur Depression abgrenzen lässt, fehlt. Die gesellschaftliche Einstellung, Depression sei etwas Negatives und Burnout – zumindest in manchen Kreisen – etwas schickes, behindert diese klare Definition zusätzlich.

Eigener Definitionsversuch
Burnout ist der Oberbegriff für eine Situation, in der eine Person seelisch, körperlich und geistig aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Der Begriff Burnout verweist darauf, dass alle auftretenden Symptome nur ganzheitlich betrachtet werden können, da sie zeitlich nacheinander, aber voneinander abhängig aufgetreten sind. Die Behandlung der Einzelsymptome muss u.U. fachspezifisch erfolgen, sollte aber immer im Kontext zu allen anderen Symptomen gesehen werden.

Burnout-Betroffene bedürfen Unterstützung bei ihrer Standortbestimmung und Neu-be-SINN-ung.

Burnout ist keine Krankheit, nicht nur, weil sie nicht im ICD 10 steht. Es ist Teil eines Gesamt-körperlichen-Ausbrennprozesses und eines, bei dementsprechender Unterstützung, Regenerationsprozesses.

3-Phasen-Modell
In der Literatur kursieren zahlreiche Versuche, den Verlauf eines Burnouts zu beschreiben. Die meisten dieser Modelle beinhalten allerdings nur den Verlauf von den ersten Anzeichen in die Akutphase bis zur – mehr oder weniger – Wiederherstellung des Betroffenen. Die letzte, und meines Erachtens wichtigste Phase des „Neuen Weges“, wird oft vernachlässigt.

Ruediger Dahlke beschreibt in seinem Buch „Seeleninfarkt“ die „sieben Stufen des Abstiegs in den Seeleninfarkt“. Dahlkes Stufenmodell beschreibt sechs Stufen, beginnend mit Phase 1 – der Euphorie- und Enthusiasmus-Phase bis Stufe 6 – der völligen Apathie – sehr genau den Abstieg in ein Burnout. Phase 7 in Dahlkes Modell– das Regenerationsstadium – beschreibt sehr eng zusammengefasst den Weg heraus aus dem Burnout. Gerade aber der Weg aus dem Burnout ist ein ebenso langwieriger, wie in Phasen unterteilbarer Prozess. Den Weg in das Burnout gehen die meisten Betroffenen Stufe für Stufe, ohne die Notwendigkeit einer Notbremsung in Betracht zu ziehen. Anders verhält es sich auf dem Weg aus dem Burnout. Da werden plötzlich Vorbehalte und Bedenken gegen offensichtlich notwendige Lebensveränderungen vorgebracht, das Ausbrechen aus alten Mustern gelingt nicht und neue Perspektiven werden nicht einmal theoretisch in Betracht gezogen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Burnout-Betroffene auf ihrem Weg aus dem Burnout an einem Punkt verharren, der ihnen zwar ein einigermaßen erträgliches Leben ermöglicht, die eigenen Ressourcen aber nicht nutzt.

Nach eigenen Beobachtungen lässt sich der Verlauf eines Burnout-Syndroms in einem 3-Phasen-Modell darstellen. Jede Phase ist durch Unterstufen, die das energetische Niveau eines Betroffenen verdeutlichen, untergliedert. Vorteil eines solchen Modells ist, das sowohl der Burnout-Betroffene als auch der Coach den aktuellen Stand – nach Selbsteinschätzung und Beobachtung – benennen können. Nachteil eines solchen Modells ist, dass es verallgemeinernd ist und nie vollständig dem individuellen Verlauf jedes Betroffenen wiedergeben kann.

1. Phase: Vor-Burnout-Phase
Unterstufen

  1. Macher-Stufe: geprägt von Tatendrang, Enthusiasmus, Euphorie „Ich kann alles und ich will alles erreichen“, der Beruf ist der Lebensinhalt, Familie, Freunde und Hobbys finden statt, werden aber als nachrangig betrachtet, um mich kümmere ich mich später, „Ich will wollen“
  2. Ernüchterungsstufe: immenses Arbeitspensum und immer weniger Regenerationszeit, Belohnung dafür fehlt oder ist kein Anreiz mehr, erste Sinnfragen, die „Schuld“ wird bei sich selbst gesucht und das Arbeitspensum erhöht, Workaholic, „Ich muss wollen“
  3. Enttäuschungsstufe: Ständig steigende Anforderungen mit zunehmendem Gefühl der Überforderung, mangelnde Anerkennung, aufkommende Sinnleere, leichte und kurze depressive Phasen, der Beruf ist immer noch wichtig, Ersatz wird in außerberuflichen Aktivitäten gesucht (z.B. in Vereinen) um die fehlende Anerkennung von dort zu bekommen, beginnendes Seelen-Burnout, „Ich muss“

2. Phase: Akute Burnout-Phase
Unterstufen

  1. Innere Zusammenbruchstufe: Ständiges Gefühl der Überforderung, emotionale Erschöpfung, Handlungsstarre, Gleichgültigkeit, Ich-Muss-Gefühl, Kreativlosigkeit, länger andauernde depressive Phasen, erste Anzeichen körperlicher Beschwerden, das Arbeitspensum wird notgedrungen verringert, es erfolgt aber noch keine Einsicht der Notwendigkeit einer Veränderung, Anerkennung wird immer mehr außerhalb der Arbeit gesucht und erhöht den Stresspegel, Krankheiten nehmen zu, ausgeprägtes seelisches Burnout und beginnendes geistig-körperliches Burnout, „Ich will nicht mehr, aber ich muss“, spätestens hier müsste der Ausstieg erfolgen!
  2. Hamsterradstufe: Handlungsunfähigkeit bis hin zur Unfähigkeit, das eigene Leben zu führen, ständige Überforderung, keine Regeneration mehr möglich, Seelenleere, lang anhaltende Depressionen, Zunahme der z.T. schweren körperlichen Beschwerden, 1. Stufe Akutphase Burnout, in der Regel erfolgt der zwangsweise Ausstieg aus dem Arbeitsleben, „Ich kann nicht mehr“,
    Einigelstufe: sozialer Kontaktverlust, Rückzug, dauernd anhaltende Depressionen, Zunahme der körperlichen Beschwerden, Suizidgedanken, 2. Stufe Akutphase Burnout, „Ich will nicht mehr“,
  3. Zu-sich-finden-Stufe: Ruhe, alles überflüssige, belastende, Störende aufgeben, Behandlung akuter körperlicher Beschwerden, Zustand noch wie bei 1./2. Akutphase, „Ich will meine Ruhe“

3. Spät-Burnout-Phase
Unterstufen

  1. Loslassen-Stufe: gedankliches und physisches Loslassen des bisherigen Lebens, Neuorientierung, Umdenken, Brainstorming, was möchte ich behalten, was kann ich (noch) nicht loslassen, was fehlt mir?, Orientierungsphase, „Ich finde zu mir“,
  2. Aufwärtsstufe: Definition der Lebensziele, Entwicklung von Strategien, Austesten der Belastungsgrenzen, ich laufe los und werde begleitet auf meinem Weg, das Ziel ist noch unklar, der Weg ist das Ziel, „Ich will das Neue“,
  3. Ziel-Stufe: Wer bin ich? Was kann ich? und was mache ich daraus? das Ziel ist definiert, der Weg dahin gewinnt an Klarheit, Phase des Neubeginns, „Ich schaffe es“

Dieses 3-Phasen-Modell beschreibt den energetischen Ausbrennprozess anhand körperlicher Symptome und die Gedankenmuster, die jeder Stufe zugrunde liegen. Der Burnoutprozess ist dynamisch und kann vollständig bis zur 3. Stufe der 3. Phase durchlaufen werden, wenn der Betroffene zum einen die für ihn richtige Unterstützung bekommt und er bereit ist, seine Gedankenmuster zu verlassen.

Energieniveau

Signifikant für Burnout-Betroffene ist der zum Teil erheblich Unterschied zwischen der Wahrnehmung der zur Verfügung stehenden Energie und der (wahrscheinlich) real vorhandenen Energie. In der Vor-Burnout-Phase und vor allem in der Akut-Burnout-Phase ist dieser Niveauunterschied besonders deutlich ausgeprägt, was letztendlich zum Zusammenbruch führt. In der Spät-Burnout-Phase ist kehrt sich dieser Unterschied um, dem Betroffenen steht mehr Energie zur Verfügung, als er sich selbst eingestehen will.

Aussteigen – aber wann?

Die Frage lässt sich leicht beantworten – so früh wie möglich. Und doch gelingt es vielen Menschen nicht, aus dem Kreislauf Arbeit – Alltag – Stress – Überforderung rechtzeitig auszubrechen. Zu stark sind gesellschaftliche Konventionen, Existenz- und Versagensängste, Angst vor sozialem Abstieg. Der natürliche Überlebenstrieb des Menschen wird unterdrückt und Ersatz in einer Scheinwelt aus äußerer Anerkennung, scheinbarer materieller Sicherheit und künstlich erzeugter Stärke gesucht. Bis zu dem Tag, an dem dem schon eingesetzten inneren Zusammenbruch der äußere Zusammenbruch folgt.

Der Ausstieg aus dem Hamsterradleben müsste spätestens am Ende der Phase 1 erfolgen, wird von den Betroffenene aber meistens erst in der 2 oder 3. Stufe der Akut-Burnout-Phase vollzogen – zwangsweise. Je später der Ausstieg erfolgt, umso größer werden die körperlichen und seelischen Beschwerden und umso länger dauert der Aufstieg in der Spät-Burnout-Phase.

Lesen Sie auch den Leitartikel und die Artikel zum Thema Burnout.

Quellen:
C. Maslach, W. B. Schaufeli, M. P. Leiter: Job Burnout. In: Annual Review of Psychology, 2001, Nr. 52: S. 397–422,
C. Maslach und J. Goldberg: Prevention of burnout: New perspectives. In: Applied Preventive Psychology 7 (1998), S. 65,
C. Maslach, W. B. Schaufeli, M. P. Leiter: Job Burnout. In: Annual Review of Psychology, 2001, Nr. 52,
C. Maslach und M. P. Leiter: The Truth About Burnout San Francisco 1997
Ruediger Dahlke: Seeleninfarkt, 2. Auflage 2012, Scorpio Verlag GmbH & Co KG Berlin, München

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Autor: Mirko Seidel am 8. Okt 2013 12:59, Rubrik: Burnout, Texte & Gedanken, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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