Burnout

Aus Burnout in die Selbständigkeit – Eigene Erfahrungen

Bereits während meiner akuten Burnout-Phase habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Wie geht es weiter? Ich habe Burnout nicht als das Ende gesehen, sondern als die Chance zu einem Neuanfang, auch wenn ich lange Zeit nicht wusste, wie dieser Neuanfang aussehen wird.

In den ersten Wochen nach meinem Zusammenbruch habe ich mir öfter die Frage gestellt „Will ich an meinen alten Arbeitsplatz zurückgehen?“ Ich habe 15 Jahre als Architekt und Stadtplaner in einem Planungsbüro gearbeitet. Meine Arbeit hat mir – meistens – Spaß gemacht. Auch mit den Kollegen und Vorgesetzten gab es keine Probleme. Im Laufe der Jahre wurden das Umfeld und die Arbeitsaufgaben mehr und mehr zum Problem. Enormer Zeitdruck, eine überbordende Bürokratie, verständnislose Auftraggeber, selbstherrliche Verwaltungen, fehlende Anerkennung, ungerechtfertigte Vorwürfe, Geldverschwendung auf der einen und Geldknappheit auf der anderen Seite. Meine Arbeit und meine eigenen Wertevorstellungen drifteten weiter und weiter auseinander. Immer öfter habe ich mir die Frage gestellt: „Was mache ich hier eigentlich? Hat das Alles noch einen Sinn?“.

Viel zu spät habe ich gemerkt, dass ich ausbrenne, dass ich keine Energie mehr habe, um meine täglichen Aufgaben erfüllen zu können. Und ich habe immer weniger für mich getan. Kein Ausgleich mehr zum Arbeitsstress, immer weniger private Unternehmungen. Bis schließlich der Tag X kam, an dem der Zusammenbruch nicht mehr zu stoppen war.

Je weiter ich mich von diesem Tag X entfernt habe und je häufiger ich mir die Frage nach dem „Wie weiter?“ gestellt habe, desto ferner wurde mir mein alter Arbeitsplatz. Die ersten Wochen des Burnouts waren von einer Freiheit geprägt, die ich bis dahin nicht kannte. Nicht mehr jeden Tag etwas müssen müssen, freie Einteilung meiner Zeit, ich entscheide, was ich mache. Natürlich habe ich auch die negativen Seiten, die ein Burnout mit sich bringt, nicht vergessen. Die Stimmungsschwankungen, Lust- und Antriebslosigkeit, Schwäche.

Kurz nach meinem Zusammenbruch habe ich Hilfe bei einem Coach gesucht. Nach etwa vier Monaten habe ich zum ersten Mal den Wunsch geäußert, dass ich meine Erfahrungen und mein Wissen über Burnout an andere Menschen – nicht nur an Betroffene – weitergeben möchte. Wie genau das aber aussehen sollte, wusste ich damals noch nicht.

Trotz meiner festen Überzeugung bin ich von dem Gedanken zunächst wieder abgekommen. Für mich standen die Fragen im Raum: „Was mache ich gern? Was macht mir Spaß? Wie möchte ich künftig meine Zeit verbringen“ Wie kann ich damit Geld verdienen? Die ersten drei Fragen waren schnell beantwortet: ich interessiere mich für Architektur, ich fahre gern mit dem Rad, ich bin gern in der Natur, ich habe ein großes Wissen über Architektur. Die letzte Frage war schon schwieriger zu beantworten. Kann man damit Geld verdienen? Ich habe eine Vorstellung entwickelt, wie ich mein Wissen an andere Menschen weitergeben kann. Danach folgte eine Intensive Internetrecherche. Gibt es ein solches Angebot bereits? Nein, es gab kein Angebot, was in etwa dem entspricht, was ich vorhatte. Da lag der Tag X schon acht Monate zurück. Mein Zustand hatte sich deutlich verbesser, zu alter Kraft und Energie hatte ich jedoch längst nicht zurückgefunden.

Und irgendwann habe ich angefangen zu rechnen. Was brauche ich jeden Monat zum Leben? Was kann ich mit meinem Angebot verdienen? Oh Schreck, es gab eine Finanzierungslücke? Und da kam mir die alte Idee wieder in den Sinn: Ich möchte meine Erfahrungen und mein Wissen an andere Menschen weitergeben.

Also habe ich mich wieder informiert, im Internet recherchiert und mich schlau gemacht, in welcher Art es möglich ist, Burnouterfahrungen weiterzugeben.
Elf Monate nach dem Tag X war ich soweit, dass ich sagen konnte, ich habe die Phase des Burnouts hinter mich gebracht, ich habe die Energie und den Mut, etwas Neues zu beginnen.

Trotzdem gingen mir die Gedanken durch den Kopf: „Willst Du nicht doch wieder an Deinen alten, sicheren Arbeitsplatz zurückkehren? Oder arbeitest Du weiter in deinem Beruf, nur an einem anderen Ort?“ Ich konnte mich mit diesen Gedanken aber nicht anfreunden. 90 km ins Büro fahren, acht Stunden arbeiten müssen, Dinge tun müssen, von denen ich nicht überzeugt bin und dann 90 km wieder nach Hause fahren und das Tag für Tag. Nein, das wollte ich nicht mehr.

Etwa ein Jahr nach dem Tag X habe ich mit dem Aufbau meiner ersten Internetseite begonnen. Bis dahin hatte ich keine eigene Seite und auch keine Ahnung, wie man eine solche erstellt. Also habe ich mir Hilfe bei einem Webdesigner gesucht. Im September 2013 ging die Seite www.architektur-blicklicht.de online. Dort beschäftige ich mich weiter mit Architektur, aber nun auf die Art, die mir Spaß macht.

Ich war zu dieser Zeit immer noch krankgeschrieben, mein alter Arbeitsplatz war mir also sicher. Aber ich merkte von Tag zu Tag mehr, dass ich eine endgültige Entscheidung treffen muss. Und das habe ich getan. Ich habe einen Aufhebungsvertrag unterschrieben und so die „Sicherheitsleine“ durchtrennt.

Im September 2013 habe ich mit der Ausbildung zum Burnout-Coach und Burnout-Therapeut begonnen und bis Jahresende Ausbildungen zum systemischen Coach und zum Mediator absolviert. Begleitet wurde ich in diesem Prozess von einem Unternehmensberater.

Eine Existenzgründung ist davon geprägt, dass man viele Ausgaben hat und wenig Einnahmen. Nun gut, dachte ich, wenn Du Deinen Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründen aufgibst, steht Dir ja erst einmal Arbeitslosengeld zu, davon kann man erst einmal leben. Weit gefehlt, denn ich hatte – aus Unwissenheit – einen Fehler gemacht. Ich hätte zwischen der Aufgabe meines Arbeitsplatzes und der Selbstständigkeit mindestens einen Tag arbeitslos sein müssen. Meine Intention war aber eine andere. Ich wollte so schnell wie möglich wieder arbeiten, Steuern und Sozialabgaben zahlen. Das sieht das Arbeitsamt aber anders. Was ich auf dem Arbeitsamt und im Jobcenter daraufhin an Inkompetenz, Fehlern, Desinteresse und Drohungen erlebt habe, ist einen eigenen Artikel wert.

Aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Alles, was ich in den letzten Monaten geschafft habe, stammt aus meinem freien Willen. Es ist meine feste Überzeugung, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Und auch wenn der Weg steinig ist und nicht immer geradeaus führt – es ist MEIN Weg.

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Autor: Mirko Seidel am 21. Jan 2014 19:04, Rubrik: Burnout, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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