Politik & Gesellschaft

Das zeitlose Zeitalter

Zeit und Rhythmus

Der Mensch scheint seit alters her nicht ohne einen Zeitrhythmus leben zu können. Bei unseren Urahnen war das Erkennen des besten Zeitpunktes für Aussaat und Ernte überlebenswichtig.

Die Religion gab der Zeit eine weitere Bedeutung. Sie teilte das Jahr nach ihren hohen Festtagen in Zeiten der Freude, der Trauer, der Umkehr, der Liebe. Das evangelische Kirchenjahr kennt drei Zeiten: den Osterfestkreis, die Trinitatiszeit und den Weihnachtsfestkreis. Jede Zeit hat wiederum ihre Phasen des Innehaltens, der Hoffnung und des Feierns. Das Leben der Menschen war noch bis vor wenigen Jahrzehnten durch den kirchlichen Jahreskalender geprägt.

Doch der christliche Glaube und mit ihm der kirchliche Jahresrhythmus sind vielen Menschen verloren gegangen. Die christlichen Feiertage sind geblieben, doch ihre Bedeutung ist eine andere.

Das Fasten vor Ostern ist noch bekannt, doch wer möchte schon sechs Wochen auf liebgewonnenes verzichten. Hingegen ist das Fasten vor Weihnachten, also in der Adventszeit, den Glühweinständen und Fressbuden der Weihnachtsmärkte gewichen. Karfreitag war Trauertag, heute ist er Familienfest- und -fresstag. Aus Licht und Freude des Christusfestes der Himmelfahrt ist vielerorts ein testosterongesteuertes Saufgelage geworden.

Feuer und Liebe des Pfingstfestes werden heute eher als willkommenes langes Wochenende zum Erholen genutzt. Und der Buß- und Bettag wurde dem schnöden Pflegeversicherungsmammon geopfert.

Was prägt unsere Zeit? Welchen Rhythmus haben wir noch?

Die Feiertage prägen auch heute noch den Jahresrhythmus vieler Menschen. Neujahr ist zum Ausschlafen und Ausnüchtern. Dann hinschleppen durch den Winter bis Ostern. Zwischendurch Karneval oder Fasching mitnehmen. Dann endlich kommt der Mai – die Bäume und die Feiertage sprießen. Der 1. Mai – Tag der Arbeit – an dem nicht gearbeitet wird. Himmelfahrt oder neuzeitlich Männertag. Und wenns gut liegt, auch noch Pfingsten.

Dann kommt erst mal lange nichts. Erst der Oktober wartet wieder mit Feiertagen auf, dem Tag der deutschen Einheit, dem Reformationstag für die Evangelen im Osten und Allerheiligen für die Katholiken im Westen. Die Sachsen gönnen sich den Buß- und Bettag und dann ist schon wieder Weihnachten. Nur die Katholiken im Süden habens besser, die haben übers Jahr verteilt noch ein paar Feiertage mehr.

Kaum ist der Kalender für das neue Jahr gekauft wird eifrig geprüft, wie man durch klugen Einsatz von Feier- und Brückentag die Urlaubstage deutlich erhöhen kann. Wozu gibt es die kirchlichen Feiertage überhaupt noch? Das Grundgesetzt trennt Staat und Kirche. Für die meisten Menschen haben die Inhalte der kirchlichen Feste keine Bedeutung mehr. Also nur noch 1. Januar, 1. Mai und 3. Oktober – wer kirchlich feiern will, kann ja Urlaub nehmen.

Oder wir erfinden ein paar neue weltliche Feiertage. Der 9. November – Tag des Mauerfalls, Kaisers – oh, Entschuldigung – Kanzlerins Geburtstag. Den 9. November zu feiern würde den Menschen im Herbst 1989 in der DDR mehr Ehre erweisen, als die Huldigung des Verwaltungsaktes vom 3. Oktober 1990. Kanzlerins Geburtstag zu feiern ist in einer parlamentarischen Demokratie aus der Mode gekommen.

Spaß beiseite. Vielen Menschen sind die Feiertage heilig. Sie richten ihren Jahres- und Lebensplan danach. Die Tage geben Rhythmus. Der Ausblick auf sie lässt Frust und Stress vergessen. Und doch hat der Rhythmus der Jahres-Zeit heute seine Bedeutung verloren. Das Jahr ist für viele Menschen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es ist nicht mehr Umkehr und Neuanfang, Gedeihen und Hoffnung, Feuer und Liebe, Licht und Freude. Es scheint, es gäbe mehrere Paralleljahre – das Arbeitsjahr, das Feiertagsjahr, das Restjahr. Zeit ist gleich – sie scheint nur ihren monotonen Fluss der Sekunden, Minuten, Stunden und Tage zu kennen. Physikalisch ist das auch so. Menschlich haben wir jedoch die Möglichkeit, der Zeit Bedeutung und Raum zu geben. Wir können Sie einteilen in Zeit-Räume, denen wir ihren individuellen Inhalt geben. Wir können uns eine Parallelzeit geben. Außen die physikalische Zeit, der Fluss des Alltags. Innen unsere persönliche Zeit – der individuelle Rhythmus aus Voranschreiten und Innehalten, aus Freude und Trauer, aus Fröhlichkeit und Traurigkeit.

Die Zeit hat in unserem digitalen Zeitalter ihre Magie verloren. Je besser wir sie physikalisch messen können, desto mehr verlieren wir den menschlichen Bezug zu ihr. Wir leben in einem zeitlosen Zeitalter.

Der Mensch braucht Rhythmus

Rhythmus ist mehr als morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, nach hausen kommen, Fernsehen, ins Bett gehen. Rhythmus heißt im Einklang leben mit der natürlichen Umwelt und dem inneren Rhythmus:

  • dem Rhythmus der Jahreszeiten folgen,
  • dem Rhythmus der natürlichen Nahrungsmittel folgen,
  • dem Rhythmus des Sonnenlichts,
  • dem Rhythmus des Körpers folgen,

Der kirchliche Jahreskalender kann ein guter Rhythmusgeber sein, auch wenn man kein Kirchgänger ist. Für Menschen, die nach einem neuen, anderen Lebensrhythmus suchen, kann er erster Halt- und Ratgeber sein. Lassen wir die physikalische und ökonomische Zeit mehr und mehr unbeachtet und wenden wir uns dem naturgegebenen und biologischen Rhythmus zu, werden wir ein neues Zeitgefühl erfahren und einem zeitlosen Zeitalter eine neue Zeit geben.

Lesen Sie den Leitartikel zum Thema ZEIT.

Quelle: www.landeskirche-hannovers.de

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