Burnout

11 Irrtümer über Burnout und Depressionen

In der öffentlichen Diskussion werden die Begriffe Depression und Burnout oft vermischt und unrichtig verwendet. Selbst unter Ärzten und Therapeuten erfolgt keine Verwendung oder Definition beider Diagnosen.

Depression und Burnout sind zwei Dinge, die zunächst nichts miteinander zu tun haben. Depressionen können auch ohne Burnout auftreten. Andersherum sind sie in den allermeisten Fällen von Burnout Teil eines umfangreichen Symptombildes.

  1. Menschen mit Depressionen müssen sich nur zusammenreißen,
    sie sollen sich nicht so gehen lassen.
  2. Depressionen können nur schwache Menschen bekommen.
  3. Depressive sind an ihrer Situation selber schuld
  4. Depressive können sich nur selber helfen
  5. Depressive sind Simulanten, die nur keine Lust mehr haben, zu arbeiten
  6. Schlechte Beziehungen fördern eine Depression
  7. Depressionen sind ein normales Zeichen unserer Zeit
  8. Burnoutbetroffene brauchen nur mal richtig Urlaub, dann geht es schon wieder
  9. Depressive bekommen durch Ärzte und Therapeuten umfassende und ausreichende Hilfe
  10. Die schulmedizinische Behandlung von Depressionen und Burnout ist völlig ausreichend, alle anderen Angebote sind nur Geldmacherei
  11. Mit Tabletten lassen sich Burnout und Depressionen gut in den Griff kriegen

Die Betroffenen werden immer jünger. Sie sind meist in der Mitte ihres Lebens, zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr. Aber auch immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Menschen zeigen Anzeichen von Depressionen und Burnout.
Die offizielle Statistik zeigt, dass Frauen doppelt so oft von depressiven Störungen betroffen sind, als Männer. Ob das tatsächlich so ist, muss offen bleiben, da Frauen eher bereit sind, einen Arzt oder Therapeuten zu Rate zu ziehen und offen über ihre Befindlichkeiten zu reden, als Männer das sind.

Diese unklare medizinische Beurteilung von Depressionen und Burnout führt zu zahlreichen Irrtümern und unzutreffenden Meinungen in der Öffentlichkeit.

  1. Menschen mit Depressionen müssen sich nur zusammenreißen,
    sie sollen sich nicht so gehen lassen

    Menschen mit Depressionen sind antriebslos. Sie haben keine Energie, ihre alltäglichen Aufgaben zu erledigen. Alles wird zu viel, die Arbeit stapelt sich und der Betroffene hat das Gefühl, über ihm bricht alles zusammen. Es gibt keine klare Strukturen und nicht selten hat der Betroffene das Gefühl einer Sinnleere in den zu erledigenden Aufgaben, vor allem im Berufsleben. Das „Ausgebranntsein“ führt zu einer Handlungsstarre, zum Rückzug und damit zur sozialen Vereinsamung.

  2. Depressionen können nur schwache Menschen bekommen.

    Hier wäre zunächst zu klären, wann ein Mensch schwach ist. Schwäche wird in unserer Gesellschaft nur zu oft gleich gesetzt mit fehlendem beruflichen Erfolg, geringem Einkommen und leider werden Menschen mit einem hohen sozialen Engagement, Verständnis und Empathie als schwach angesehen. Depressionen haben nichts mit einer wenig gefestigten Persönlichkeit oder mentaler Schwäche zu tun. Sie entstehen oft genau dadurch, dass ein Mensch in seinem täglichen Aufgabenbereich für andere kämpft und dabei über seine eigenen Kräfte hinausgeht.

  3. Depressive sind an ihrer Situation selber schuld.

    Auch wenn jeder Mensch für sein Leben Selbstverantwortung trägt, spielen auch äußere Einwirkungen eine wichtige Rolle. Mangelnde Anerkennung, zu hohe Arbeitsbelastung, zu viel Druck und Drohungen paaren sich mit Existenzängsten, Versagensängsten und einem zu hohen Selbstanspruch. In der Vorphase der Depression verbrauchen Betroffene sehr viel Energie für die Erledigung ihrer Aufgaben, Sie wollen immer noch ein bisschen mehr, es immer noch ein bisschen besser machen, niemanden enttäuschen. Sie nehmen sich immer weniger Zeit für sich und finden schließlich keinen Möglichkeiten mehr, die leeren Akkus wieder aufzuladen. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich, aber auch das Umfeld eines Betroffenen hat eine soziale Verantwortung.

  4. Depressive können sich nur selbst helfen.

    Burnout und Depressionen sind ernstzunehmende seelische Einschränkungen, die bei Burnout auch mit starken körperlichen Erkrankungen einhergehen können. Burnout und Depressionen benötigen eine professionelle Behandlung und Begleitung. Richtig ist, dass alle Angebote aber darauf ausgerichtet sein müssen, dass der Betroffene seinen eigenen Weg finden und gehen kann.

  5. Depressive sind Simulanten, die nur keine Lust mehr haben, zu arbeiten.

    Depressionen entstehen, weil sich Menschen zu stark in ihre Alltags- und Arbeitsaufgaben hineinbegeben und ihre persönlichen Interessen und die Notwendigkeit, Ausgleich zu schaffen, vernachlässigen. Betroffene arbeiten oft zu viel, können den notwendigen Abstand nicht mehr herstellen und opfern sich zu stark für andere auf. Arbeit wird zum wesentlichsten Lebensinhalt. Nicht die Vernunft, sondern der völlige Zusammenbruch führt zu dem notwendigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben.

  6. Schlechte Beziehungen fördern eine Depression

    Völlig falsch ist das nicht. Starke Abhängigkeitsverhältnisse, Unverständnis des Partners, seelischer Druck und körperliche Gewalt können eine Depression fördern. Kommen dann noch Stress am Arbeitsplatz oder ein Schicksalsschlag dazu, ist eine Depression schon fast vorprogrammiert. Intakte soziale Verhältnisse, zu denen neben der Familie auch Freunde und Freizeitpartner gehören, verringern das Risiko, in eine Depression zu fallen bzw. können dem Betroffenen Hilfe und Unterstützung sein.
    Die Familien von Betroffenen ist selbst sehr belastet. Angehörige und Freunde versuchen, zu helfen, sind aber meistens überfordert und in ihren Bemühungen erfolglos.

  7. Depressionen sind ein normales Zeichen unserer Zeit.

    Depressionen kommen bereits seit Jahrhunderten vor. Burnout ist in den Industrienationen in den letzten Jahrzehnten zum Massenphänomen geworden. Insofern könnte man sagen, dass Burnout und Depression zu den „normalen“ Zeichen unserer Zeit gehören. Studien zeigen aber auch, dass Menschen, die auf dem Land leben weniger häufig betroffen sind, als Stadtmenschen und das Menschen in einem intakten sozialen Umfeld weniger zu Depressionen neigen bzw. schneller den Weg heraus finden, als Menschen in gestörten sozialen Beziehungen. Mangelnde Anerkennung in Beruf und Familie, Überlastung und Überforderung am Arbeitsplatz können Depressionen fördern – das sind leider „normale“ Zeichen unserer Zeit.

  8. Burnoutbetroffene brauchen nur mal richtig Urlaub, dann geht es schon wieder.

    Burnout ist ein langwieriger und schleichender Prozess. In der Anfangsphase gelingt es dem Betroffenen noch, durch Urlaub oder ein verlängertes Wochenenden wieder neue Kraft zu tanken. Die Dauer der nachhaltigen Erholung wird immer kürzer und die Phasen des beginnenden Ausgebranntsein werden länger. Es häufen sich Fehltage durch Krankheiten und schließlich gelingt es dem Betroffenen selbst in einem längeren Urlaub nicht mehr, ausreichend Energie für die nachfolgende Arbeitszeit zu tanken. In der akuten Burnoutphase ist Urlaub zur vollständigen Regeneration nicht ausreichend.

  9. Depressive bekommen durch Ärzte und Therapeuten umfassende und ausreichende Hilfe.

    Burnout ist laut ICD 10 keine Krankheit. Die Diagnose setzt sich in der Regel zusammen aus einer Depression, verbunden mit organischen Krankheiten. Nur zu selten wird der Zusammenhang zwischen den seelischen, geistigen und körperlichen Einschränkungen erkannt und deshalb auch nicht systemisch behandelt. Wenn ein Patient mit körperlichen Beschwerden gegenüber dem Arzt verschweigt, dass er auch seelische Probleme hat, wird die Diagnose Burnout zusätzlich erschwert.
    Das deutsche Gesundheitssystem pauschaliert das Burnoutsyndrom, was eine individuelle abgestimmte Behandlung und Begleitung des Betroffenene weitgehend ausschließt. Hinzu kommt ein eklatanter Mangel an fachlich spezialisierten Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten, so dass Betroffene oft monatelang auf eine Therapie warten müssen. Als erste ärztliche Maßnahme werden dann meistens Antidepressiva verschrieben.

  10. Die schulmedizinische Behandlung von Depressionen und Burnout ist völlig ausreichend, alle anderen Angebote sind nur Geldmacherei.

    Die außermedizinischen Angebote für Burnoutbetroffene sind vielfältig und reichen von Pülverchen, Pflanzenextrakten, Massagen und Akkupunktur bis zu Geistheilungen, teuren Privatkliniken und alternativen Therapieangeboten.
    Die Begriffe Burnout-Berater, Burnout-Coach und Burnout-Therapeuten sind in Deutschland nicht geschützt. Praktisch kann jeder diese Dienste anbieten, ohne eine dementsprechende Ausbildung absolviert zu haben.
    Viele Betroffene, die die schulmedizinische Behandlung durchlaufen haben, als austherapiert gelten und trotzdem den Weg in ein sinnerfülltes Leben nicht gefunden haben, sind auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten. Das ist völlig korrekt, wird aber leider von Scharlatanen und geldgierigen Möchtegern-Therapeuten ausgenutzt. Hier hilft nur eine tiefgründige Recherche und der Austausch mit anderen Betroffenen. Viele Angebote für Burnout-Betroffene sind seriös und erfolgversprechend.

  11. Mit Tabletten lassen sich Burnout und Depressionen gut in den Griff kriegen.

    Das erste „Hilfsangebot“ von Ärzten und Psychologen ist meist das Verschreiben von Antidepressiva. Der tatsächliche seelische Zustand des Betroffenen, die Befindlichkeiten und die Gründe, die zu einer Depression oder einem Burnout geführt haben, werden kaum oder nur oberflächlich betrachtet. Für Menschen, die sich in einer akuten depressiven Phase befinden und kaum noch in der Lage sind, ihren Lebensalltag zu meistern, können Antidepressiva eine erste Hilfe sein. Eine dauerhafte Lösung sind sie nicht. Ein Burnoutbetroffener befindet sich in einer Sinnkrise. Das bisherige Leben wird in Frage gestellt und eine Zukunftsvision gibt es meistens nicht. Dieses Problem lässt sich nur durch eine intensive therapeutische Arbeit oder durch Coaching bearbeiten und lösen. Tabletten, mit denen der Sinn des Lebens neu definiert wird, gibt es leider nicht. Das Problem wird unter der chemischen Wirkung der Tabletten verdeckt und verschleiert, der Patient künstlich in einen „guten seelischen Zustand“ versetzt.

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Autor: Mirko Seidel am 6. Dez 2013 08:11, Rubrik: Burnout, Depressionen, Texte & Gedanken, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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