Politik & Gesellschaft

Die OWei-Christen

Die OWei-Christen – nein, das sind nicht diejenigen, die bei jeder Kleinigkeit „Oh Gott“ rufen. Die OWei-Christen sind diejenigen ehrenhaften und gut integrierten Mitglieder in der Mitte unserer Gesellschaft, die bei jeder Gelegenheit ihren christlichen Glauben hervorkehren, die christlichen Werte als Grundlage ihres Tuns und Denkens bei jedem passenden und unpassendem Anlass betonen, brav und – nach eigener Aussage – auch gern ihre Kirchensteuer entrichten und doch nur zweimal im Jahr in die Kirche gehen – zu Ostern und zu Weihnachten.

Man habe ja so viel zu tun, keine Zeit. Und dann am Sonntag, da müsse man ja auch mal die Oma besuchen und mit den Kindern was unternehmen. Ja, wenn man mehr Zeit hätte, würde man auch gern öfter in die Kirche gehen, aber eben die Zeit…

Warum gehen die OWei-Christen dann überhaupt noch in die Kirche? Zweimal ist wie Einmal ist wie Keinmal. Sie könnten ihren Glauben doch auch zuhause ausleben? Beten kann man auch am Küchentisch, dass dürfte Gott egal sein. Nein, sie müssen in die Kirche. Schließlich sind Ostern und Weihnachten die höchsten Feiertage ihres zeitorientierten Glaubens. Da muss man sich einfach mal die Zeit nehmen. Auch wenn die Ostereier schon versteckt sind oder der Weihnachtsbraten in der Röhre brutzelt. Nein, Ostern und Heiligabend, da muss Kirche sein. Man kann die Kinder in ihre Sonntagskleider zwängen, sich selbst mal so richtig zurückhaltend in Schale werfen, untergehakt, die Kinder an der Hand mit huldvollem Blick zur Kirche schreiten. Und dabei natürlich jedermann auf der Straße grüßen, es kann ja ruhig jeder sehen: wir gehen zur Kirche. Nein, es muss jeder sehen. Und wenn dann noch zu Weihnachten der Schnee leise rieselt und unter den Schuhsohlen knirscht oder die Osterglocken entlang des Weges zur Kirche lieblich vor sich hinbimmeln, ist das Herzensszenario perfekt.

Huldvoll und gelegentlich nickend lauschen die OWei-Christen den Worten des Pfarrers, den sie kaum kennen. Wie hieß der nochmal? Keine Ahnung, aber was er sagt, ist gut. Daraus kann man Kraft schöpfen, für lange Zeit. Denn schließlich wird der nächste Kirchengang erst in einigen Monaten stattfinden. Wie schnell doch so ein Jahr vergeht.

Dann gehen sie nach Hause, verdauen die Worte des Pfarrers und tauschen sich beim Verzehr des Festtagsbratens über die Predigt des Hirten aus. Ach ja, es sei doch gut gewesen, mal wieder in die Kirche gegangen zu sein. Nun habe man mehr Durchblick und Klarheit. Und was der Herr Pfarrer gesagt hat, ja das werde man sich zu Herzen nehmen. Bis zum Kaffeetrinken ist dieser Vorsatz meist wieder vergessen.

Ganz ehrlich, mir sind erklärte Nicht-Christen, die sich trotzdem nach bestem Wissen und Gewissen an christlichen Werten orientieren, die heimlich, aber dafür mit Inbrunst und in ihren eigenen Wor-ten beten, die sich gelegentlich auch mal bei Gott bedanken und den Pfarrer auf der Straße grüßen, ohne je mit ihm gesprochen zu haben tausendmal lieber als die Schmalspurjünger, die zweimal im Jahr ihr Gewissen beruhigen müssen.

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