Politik & Gesellschaft

Politisch korrekte Tomatensoße

Vor einigen Wochen habe ich im Supermarkt eine Flasche Zigeunersoße gekauft. Natürlich mehr über den Inhalt als über den Namen nachdenkend. Nun stand die Flasche auf dem Tisch und vom feurig-roten Etikett sprang mir der Name wieder ins Gesicht: Zigeunersoße. Zigeuner? Das ist doch eine Bezeichnung, die schon vor einigen Jahren von politisch korrekten Gutmenschen aus dem grün-roten Linksbereich von der deutschen Wortschatzbühne verdrängt werden sollte.

Meine Recherche auf einer großen Internetwissenplattform ergab, dass sich der Begriff Zigeuner im deutschen Sprachraum bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, aber mit seiner byzantinisch-griechischen Herkunft sehr viel älter ist und als unstet angesehen Bevölkerungsgruppen bezeichnete. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde der Begriff vornehmlich auf die Gruppe der Roma bezogen, in der Zeit der Nationalsozialisten ausschließlich. Dies führte dazu, dass der Begriff Zigeuner nach 1945 gleichgestellt wurde mit dem Massenmord an den Roma.

Trotzdem hielt sich der Sammelbegriff für fahrendes Volk hartnäckig im deutschen Alltagssprachgebrauch. Norbert Trelle, Bischof von Hildesheim und Beauftragter der „Zigeunerseelsorge“ wollte im Jahr 2008 dem Begriff jene Würde und Bedeutung zurückgeben, die ihm durch jahrhundertealte Vorurteile und die NS-Verbrechen genommen worden sei, nämlich indem sie ihn weiterverwende.
Die Deutsche Bischofskonferenz beendete 2010 den Diskurs und beschloss, den Namen ihrer Einrichtung in „Katholische Seelsorge für Roma, Sinti und verwandte Gruppen“ zu ändern. Trelle wurde abgelöst.

Die politische Elite in Deutschland bemüht sich seit vielen Jahren, den Begriff zu vermeiden und führte stattdessen die Volksbezeichnung Sinti und Roma ein – wissend oder unwissend, dass es durchaus auch andere Volksgruppen gibt, die früher in den Begriff Zigeuner eingeschlossen waren und nun ausgegrenzt sind. Die Medien zogen nach.

Nun haben deutsche Amtsstuben wieder ein Problem. Auch die Bezeichnung Sinti und Roma gilt als politisch unkorrekt. Aber unsere Beamten sind ja erfinderisch. So warfen sie neue Vokabeln in den Ring und bezeichnen diese Bevölkerungsgruppen als „Menschen mit häufig wechselndem Aufenthaltsort“, „Mobile ethnische Minderheiten- kurz: MEMS“ oder – Achtung, jetzt kommts – „Rotationseuropäer. Wenn sich der Zigeuner nun nicht integriert fühlt, ist er selber schuld!

Ich sitze nun immer noch vor meiner Soße und weiß nicht, ob es nun politisch korrekt ist, diese zu essen oder ob ich sie lieber auf den Müllberg der Geschichte werfen soll. Ist die politisch korrekte Sprache in der Lebensmittelindustrie nicht angekommen? Ich sinniere, wie man die mit Chilli versetzte Tomatenpaste denn nun benennen könnte. Sinti- und Roma-Soße ist anrüchig, MEMS-Soße könnte man nehmen, aber wer weiß schon, was MEMS bedeutet. Europäische Rotationssoße ist etwas sperrig, wäre aber – zumindest bis auf weiteres – politisch korrekt und man könnte auch gleich den europäischen Gedanken in jede Mahlzeit integrieren.

Egal, ich habe Hunger und Appetit auf den feurig-scharfen Geschmack. Von mir aus kann die Zigeunersoße auch weiter Zigeunersoße heißen. Entscheidend ist nicht, wie man eine Bevölkerungsgruppe benennt, sondern wie man mit ihr umgeht.

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