Burnout

Psychosoziales Coaching im Jobcenter Leipzig – ein Kommentar

Mirko Seidel, Burnout-Therapeut und Coach in Leipzig

Es ist eine gute Sache, sich um die Widereingliederung von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu kümmern. Und es ist eine gute Sache, Menschen mit psychischen Störungen zu helfen. Beides wurde mit dem Pilotprojekt des Jobcenters Leipzig getan. Und doch hatte ich dem lesen der Pressemitteilung des Stiftung Deutsche Depressionshilfe einen schalen Nachgeschmack.

Da ist zunächst der Name des Projektes: „Psychosoziales Coaching“. Im Rahmen des Projektes werden Angestellte im Jobcenter von Mitarbeitern des Psychosozialen Coachings geschult, Hinweise auf psychische Erkrankungen zu erkennen. Das ist gut. Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig. Im Erstgespräch mit einem Psychologen werden eine ausführliche Anamnese sowie ein klinisches Diagnostikgespräch durchgeführt. Im Anschluss erhält der Betroffene Informationen zu seiner Erkrankung, eine Beratung zu Behandlungsmöglichkeiten, Kurzinterventionen und die Möglichkeit an Gruppenprogrammen teilzunehmen.

Aha, der Betroffene wird also zum Psychologen geschickt, erhält eine klinische Behandlung. Auch wenn davon nichts in der Pressmitteilung steht, eine Verabreichung von Medikamenten dürfte Bestandteil dieses Programms sein. Das alles ist klassische Schulmedizin und hat mit Coaching nichts zu tun.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht von „einem großen Erfolg“ des Projektes in Leipzig. 24% der Teilnehmer haben wieder eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit aufgenommen. Ein Erfolg ist das. Aber ist es ein großer Erfolg, wenn man sich mit einer Erfolgsquote von nicht einmal einem Viertel zufrieden gibt?

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Projektleiter und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wird in der Pressmitteilung zitiert: „Viele glauben, dass Langzeitarbeitslose durch die Arbeitslosigkeit psychisch erkranken. Häufig besteht eher ein umgekehrter Zusammenhang: Depressionen aber auch andere psychische Erkrankungen führen zu Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück in die Arbeit“.

Das heißt also: ein Arbeitnehmer erkrankt durch seine Arbeit psychisch und wird arbeitsunfähig. Sein Weg führt ihn über den Hausarzt zu einem Psychiater oder Psychologen zu einem Therapeuten oder er nimmt den Weg über das Krankenhaus. Er wird behandelt, gilt irgendwann als austherapiert. Ist seine Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt – gut. Ist sie das nicht, wird er in das staatliche Versorgungsystem abgeschoben und landet über das Arbeitsamt irgendwann im Jobcenter.

Dort wird von einem geschulten Vermittlungsangestellten erkannt, dass der Kunde an einer psychischen Erkrankung leidet. Ihm wird die freiwillige Teilnahme an einem psychosozialen Coaching angeboten und er landet wieder bei der Berufsgruppe, die bei seiner Behandlung schon einmal versagt hat – bei Psychologen. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Und es gibt ein zweites Problem. Die Versorgung mit Psychiatern, Psychologen und Therapeuten in Ostdeutschland ist unterdurchschnittlich. Wartezeiten von mehreren Wochen und Monaten sind an der Tagesordnung. Erfolgt nun eine zweite Behandlung Langzeitarbeitsloser, verlängern sich die Wartezeiten für Erstbetroffene weiter. Diese landen dann beim Jobcenter und ihnen wird eine freiwillige Teilnahme an einem psychosozialen Coaching angeboten …

Es drängen sich mir zwei Fragen auf:

  1. Warum wurden die Betroffenen nicht gleich von Anfang an optimal behandelt?
  2. Ist die reine Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit eines psychisch Erkrankten das oberste Ziel, oder sollte es nicht viel mehr darum gehen herauszufinden, was der Betroffene will, wie er sich seine berufliche Zukunft vorstellt um ihn dann auf seinem Weg zu unterstützen?

Und dann sind da noch die eigenen Erfahrungen. Als gesetzlich Krankenversicherter musste ich den vorgeschriebenen Weg einschlagen. Doch schnell habe ich mich von diesem verabschiedet, und bin meinen eigenen Weg gegangen. Und das führt über Monate zu heftigen Kollisionen mit dem System – mit Ärzten, Psychologen, der Krankenkasse und dem Arbeitsamt. Als mich mein Weg auf das Arbeitsamt Leipzig führte, war ich im medizinischen Sinne keineswegs optimal behandelt worden. Eine Teilnahme an einem psychosozialen Coaching wurde mir nicht angeboten. Ach ja, das macht ja das Jobcenter. Ich hätte also erst noch eine Stufe auf der sozialen Leiter nach unten steigen müssen, bis man mir vielleicht Hilfe angeboten hätte.

Das ist traurig. Und wie gesagt, mit Coaching hat das alles nichts zu tun.

Die gesamte Pressemitteilung können Sie hier nachlesen.

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Autor: Mirko Seidel am 11. Dez 2014 10:05, Rubrik: Burnout, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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