Politik & Gesellschaft

„Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit“ (?)

„Wir müssen alles dafür tun, um unsere Sicherheit zu verteidigen. Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit“, diese Worte sagte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nach dem Attentat von München.“

Ich habe einige Zeit über diesen Satz nachgedacht. Stimmt es, was der Ministerpräsident sagt, oder doch nicht? Zunächst sei angemerkt, dass der Satz nicht von Horst Seehofer stammt. Wilhelm von Humboldt hat im Jahre 1792 den Satz geprägt: „Denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit.“

Was Humboldt mit seinem Satz meinte, können wir nur annehmen. Möglicherweise wollte er sagen, dass die Freiheit, die gemeinschaftskonform ist, nicht die Freiheit sein kann, in der jeder tun oder lassen kann, was er will, ohne Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen. Die Humboldt’sche Freiheit beinhaltet aber auch den Begriff der Sicherheit. Freiheit und Sicherheit werden oft als gegensätzlich bezeichnet, als widersprüchlich, wenn sie gemeinsam genannt werden. Gibt es Freiheit ohne Sicherheit oder gibt es da, wo zu viel Sicherheit ist, keine Freiheit mehr?

Freiheit und Sicherheit sind keine Gegensätze. Humboldt sagte, die Sicherheit ist die Voraussetzung für die Freiheit. Ohne Sicherheit ist alle Freiheit nichts, weil sie ein Leben in Angst bedeuten würde. Nur wer in Sicherheit lebt, kann sich frei entfalten und bestmöglich entwickeln.

An dieser Stelle sei auch der Freiheitsbegriff von Voltaire zitiert, der sagte: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ In der Freiheitsdefinition Voltaires kommt die Sicherheit nicht vor. Auch bei Voltaire können wir nur vermuten, was er meinte. Ich interpretiere Voltaires Freiheitsbegriff so, dass jeder Mensch frei in seiner Entscheidung ist und nur das tun muss, was er selbst wirklich will. Das setzt voraus, dass der Mensch ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Selbstreflektion hat und seine freiheitlichen Entscheidungen mit Augenmaß und Rücksicht auf seine Umwelt trifft.

Ich habe eine persönliche Definition von Freiheit. Meine Freiheit besteht darin, das zu tun, was ich will, was mir Spaß macht und für mich richtig ist, ohne damit andere Menschen in im Ausleben ihrer persönlichen Freiheit zu beeinträchtigen. Ein hoher Anspruch, der sicher nicht immer gelingt. Für mich ist diese Freiheitsdefinition der Maßstab meines Handelns, das ich selbstkritisch überprüfe und verändere.

Was ist mit der Sicherheit? Ich gehe davon aus, dass zwischen Voltaire und Seehofer im Punkt Sicherheit Definitionswelten liegen. Seehofer meint mit Sicherheit die staatlich verordnete und geregelte Sicherheit, die sich in Deutschland in einem gigantischen Sicherheitsapparat äußert. Doch alle sogenannten Sicherheitsorgane des deutschen Staates bieten keine Sicherheit. Sie konnten die Attentate von München und Ansbach nicht verhindern. Sich also darauf zu verlassen, dass der Staat Sicherheit vor Überfällen, Anschlägen oder Terrorismus bietet, ist ein fataler Irrglaube. Er kann es nicht – die Anschläge in Paris, Brüssel und Nizza zeigen das.

Ist Sicherheit ein Trugschluss? Sofern es sich um Sicherheit von außen handelt – ja. Sicherheit kommt aus dem Lateinischen und geht zurück auf sēcūrus für „sorglos“ (aus sēd „ohne“ und cūra „Sorge“). In seiner ursprünglichen Bedeutung heißt Sicherhit also Sorglosigkeit. Kann ich als Bürger sorglos sein hinsichtlich jeglicher Art von Anschlägen, nur weil ich weiß, dass ein staatliches Überwachungssystem und einen Polizei- und Geheimdienstapparat gibt, der vorgibt, alles zu tun, um meine Sicherheit und Freiheit zu schützen? Das muss jeder Mensch für sich entscheiden. Ich bin nicht sorglos. Zum einen nicht, weil es trotz aller Überwachungs- und Sicherheitssysteme keine absolute Sicherheit gibt, zum anderen nicht, weil wir in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder erleben mussten, dass durch Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen freiheitliche Rechte eingeschränkt wurden. Sicherheit kontra Freiheit.

Echte Sicherheit gibt es nicht im Außen, es gibt sie nur in Innen. Doch auch im Innen gibt es keine absolute Sicherheit gegen die Einflüsse von außen. Ich kann ein zu einhundert Prozent selbstischerer Mensch sein, der aufrecht, sorglos und mit voller Zuversicht durchs Leben geht. Das alles wird mich nicht gegen Einflüsse von außen schützen, die meine Sicherheit und meine Freiheit bedrohen oder gar einschränken – keinen Anschlag, keine Naturkatastrophe.

Humboldt erwähnt die Angst. Es ist nur allzu verständlich, dass Menschen Angst haben, wenn sie fast täglich von Terroranschlägen und Überfällen in den Medien hören. Doch wie real ist diese Angst? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich ein Terroranschlag oder ein Überfall trifft? Die Wahrscheinlichkeit ist vorhanden, jedoch statistisch sehr gering. Angst lähmt und wer sich nicht von seinen Ängsten befreien kann, der sucht nur zu gern nach einer höheren Instanz, die ihm vermeintliche Sicherheit bietet. Und da kommt der Staat ins Spiel, der sich die Angst mancher Menschen nach solchen schrecklichen Taten, wie in München und Ansbach, zunutze macht und Gesetze verschärft, die die Sicherheit angeblich erhöhen, jedoch oft auch die Freiheit einschränken. Freiheit oder Sicherheit – was wiegt schwerer?

Und was soll der Staat nun tun? Alle Sicherheitsbehörden abschaffen, alles laufen lassen und daraus hoffen, dass nichts passiert?

Diese Frage würden sicher 99% aller Menschen verneinen. Und sie hätten damit auch recht. Gewalt, Terror und Kriminalität wären Tür und Tor geöffnet. Das Problem liegt woanders. Es liegt bei jedem einzelnen Menschen. Ich wiederhole noch einmal meine Freiheitsdefinition: Meine Freiheit besteht darin, das zu tun, was ich will, was mir Spaß macht und für mich richtig ist, ohne damit andere Menschen in im Ausleben ihrer persönlichen Freiheit zu beeinträchtigen. Der letzte Teil ist der entscheidende. Zusammengefasst: Ich will machen, was ich will, ohne jemand anderen damit zu schaden – leben und leben lassen. Würden alle Menschen nach dieser Maxime leben und handeln, bräuchten wir keine Sicherheitsorgane mehr, denn dann gäbe es keine Anschläge, keine Kriminalität und keinen Terrorismus mehr. Und auch keinen Krieg.

Nun handeln aber nicht alle Menschen so – die Nachrichten zeigen das jeden Tag. Und deshalb braucht es Polizei und Kontrolle, wobei es auf Maß und Verhältnismäßigkeit ankommt.

Was wird sich ändern nach dem Anschlag von München? Das bleibt abzuwarten. Was wünsche ich mir, dass sich ändert? Der offenbar psychisch kranke Täter von München hat sich illegal eine Waffe besorgt. Wie kann das künftig verhindert werden? Am besten dadurch, alle Waffen zu verbieten (ich meine wirklich alle, einschließlich aller Kriegswaffen). Ich bin mir bewusst, dass das ein Wunschtraum ist.

Die ersten Stunden nach dem Anschlag von München haben mir zwei Dinge gezeigt:

  1. Der Polizeiapparat hat funktioniert, die Information der Öffentlichkeit hat funktioniert. Das ist beruhigend und verleiht doch etwas ein Gefühl von Sicherheit.
  2. Die Stadt München, respektive ihre Einwohner, sind in Stunden der Angst und der Unsicherheit zusammengerückt und haben sich gegenseitig geholfen. Das hat in Deutschland auch in anderen in Extremsituationen funktioniert (z.B. bei Hochwasserkatastrophen). Zu wünschen wäre, dass dieses Zusammenhalten und das gegenseitige Helfen länger anhalten, als bis zu dem Moment, an den die Polizei Entwarnung gibt.

Und noch etwas haben die Ereignisse von München gezeigt: Es gibt keine absolute Sicherheit. Es kann Vorbeugung geben, Aufklärung. Es kann hilfreich sein, zu überwachen und zu kontrollieren. Es gibt jedoch keine Sicherheit gegen die Gefahren, die das Leben mit sich bringt und gegen die Menschen, deren Ziel es ist, anderen Menschen Schaden zuzufügen.

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