Mai 2015

Tagebuch eines Burnout-Falls

Die ersten Tage nach dem Tag X

Seit Juli 2012 schreibe ich ein Tagebuch. Der nachfolgende Text stammt aus diesem Tagebuch.

Originaltext Tagebuch

    Immer noch Freitag. G. steht auf, wir trinken Kaffee und essen Kuchen. Worüber wir geredet haben, weiß ich nicht mehr. Seine Frage, ob ich zum Arzt gehen werde, kann ich nicht eindeutig beantworten. Er fährt mich noch Hause und bietet mir an, heute Nacht wieder bei ihm […] zu schlafen. Ich weiß es noch nicht, aber es ist gut, Freunde zu haben.

    Von da an funktioniere ich. Ich gehe zur Post und gebe Briefe ab, dann gehe ich zum Arzt. Ich muss einen Strich ziehen. Der Arztbesuch kostet mich Kraft. Ich war erst einmal bei der Ärztin, kann mich nicht an sie erinnern. Wie wird sie reagieren, was wird passieren? Das Gespräch ist eigenartig, kommt mir aber entgegen. Ich erzähle der Ärztin, was los ist, sie fragt, ob ich einen Therapeuten habe und schreibt mich krank. Keine weiteren Fragen. Ich werde krankgeschrieben – eine Woche. Zu wenig, aber ein Anfang. weiterlesen »

Tagebuch eines Burnout-Falls

Nachdenken über den Tag X

Was an diesem Donnerstag passierte, nenne ich heute den Tag X. Es war die Zäsur meines bisherigen Lebens und der Beginn von etwas ganz Neuem, auch wenn ich damals noch nicht die Spur einer Ahnung hatte, wie das Neue aussieht.

Wie kam es zu diesem Tag X?

Das zu analysieren und hier zu erzählen, dauert Stunden. Und auch heute, fast drei Jahre danach, kann ich darauf keine abschließende Antwort geben.

Nüchtern gesagt, Burnout kann entstehen, wenn Menschen sich für andere einsetzen und aufopfern und dabei ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche in den Hintergrund stellen. Es verwundert daher nicht, dass besonders in solchen Berufen, in denen die Hilfe für andere im Vordergrund steht, besonders viele Burnoutfälle auftreten, z.B. in Pflegeberufen.

Burnout kann aber auch auftreten, wenn ich meine Arbeit über alles andere stelle, keinen Ausgleich und keine Erholung mehr in der Freizeit finde oder gar keine Freizeit mehr habe. weiterlesen »

Tagebuch eines Burnout-Falls

Auf dem Weg zum Tag X

Ende Juni 2012 chattete ich mit einem Freund. Wir kannten uns seit drei Jahren, haben uns einmal in der Woche in einer Sauna getroffen. Dort war ich schon seit Wochen nicht mehr.

Er fragte mich, was mit mir los sei. Ich antwortete ihm: „Was willst Du hören? Etwas Nettes oder die Wahrheit?“. Er entschied sich für die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass ich völlig am Boden war, lustlos, antriebslos. Auf Arbeit habe ich mich nur noch geschleppt. Alles, was ich anfasste, hatte keinen Sinn mehr. Die wenige Freizeit nutzte ich dazu, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Die Wochenenden verbrachte ich auf der Couch, um Montagmorgen wie gerädert aufzustehen. Ich funktionierte nur noch.

Ich war ausgebrannt. Das war mir auch völlig klar und ich schrieb meinem Freund, es sei nun nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den absoluten Tiefpunkt erreicht habe.

Es sollte noch etwa drei Wochen dauern, dann war er da, der absolute Tiefpunkt. Den letzten Tag auf Arbeit, ich arbeitete damals in einem Planungsbüro, es war ein Donnerstag, verbrachte ich damit, meinen Schreibtisch aufzuräumen und persönliche Dinge einzupacken. Das tat ich nicht bewusst. Irgendetwas in mir wusste wohl schon, dass dies mein letzter Tag an meinem Schreibtisch sein sollte. Nur ich wusste es noch nicht. weiterlesen »

Über Offenheit und Wachstum

Oder, warum Uniformität einschränkt

Menschen zeigen gern durch ihr Äußeres, welcher Gruppe, politischer Einstellung, Gehaltsgruppe oder sozialer Schicht sie angehören. Nehmen sie sich einmal die Zeit, setzten sich auf eine Bank und beobachten mehrere Stunden oder Tage die Menschen, die an Ihnen vorüber gehen. Vorzugsweise in einer größeren Stadt. Da werden sie viele Typen sehen. Fein gekleidete Damen in hochhackigen Schuhen, die fast wie aus einer anderen Welt zu sein scheinen, Herren in feinem Zwirn mit Schlips, Punks in zerrissenen Hosen und bunten, wilden Haaren, graue Mäuse und Menschen die irgendwie nur auffallen wollen, egal wie.

Das kann man Individualität nennen, jeder soll schließlich das anziehen, was ihm gefällt und so aussehen, wie er sich wohl fühlt. Und doch ist eine gewisse Uniformität nicht zu übersehen. Gehen Sie einmal in eine Bank. Dort werden Ihnen die Herren (fast) ausschließlich im dunklen Anzug, Hemd, Kragen und Krawatte und die Damen im kleinen Schwarzen oder dem businesstauglichen Hosenanzug gegenübertreten. Auch Versicherungsvertreter werden wahrscheinlich weiterlesen »

Wie sieht Erfolg aus?

Vor einigen Wochen war ich mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs. Auf einem Parkplatz hielt ich an, um einem menschlichen Bedürfnis nachzugeben. Da kam eine Frau auf mich zu, lächelte mich an und übergab mir eine Zeitung – „Erwachet“.

Ich bedankte mich und wir verabschiedeten uns.

Zugegeben, „Erwache“ gehört nicht zu meiner Vorzugslektüre, aber der Titel klang interessant: „Wie sieht Erfolg aus?“

Vier Menschen werden vorgestellt: ein Geschäftsmann mit gutem Einkommen, eine Schülerin mit guten Noten, ein weiterer Geschäftsmann, für den Geld und Konkurrenzkampf an oberster Stelle stehen und eine andere Schülerin, die für ihren Lernerfolg nicht immer ehrlich ist.

Alle vier sind erfolgreiche Menschen, in ihrem Selbstverständnis weiterlesen »

Endometriose – Ganzheitliche Betrachtung Endometriose-Betroffener und alternative und ergänzende Therapieansätze

Vortrag auf der „2. EndoMarch“-Tagung in Leipzig, 28. März 2015

Endometriose ist eine Krankheit, die in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Betroffene reden ungern über ihre Erkrankung, aus Scham oder aus Angst, auf Ablehnung und Unverständnis zu stoßen. Die Behandlung liegt zumeist in Händen der Schulmedizin, die mit Medikamenten und/oder Operationen versucht, die Krankheit zu heilen oder zumindest zu lindern. Folgen sind neben den schon starken Symptomen der Krankheit die weiteren Nebenwirkungen der Medikamente und Operationen.

Es lohnt sich, die Krankheit Endometriose aus dem Fokus zu nehmen und stattdessen den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ihn durch komplementäre Heilverfahren in die Behandlung bei Endometriose mit einzubeziehen, Lebens- und Essgewohnheiten zu verändern und am Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu arbeiten.

Darüber hinaus sollten die Selbstheilungskräfte der betroffenen Frauen weiterlesen »

Umfrage der Stiftung Warentest zum Thema Psychotherapie

Die Stiftung Warentest hat im Jahr 2011 eine Umfrage zum Thema Psychotherapie durchgeführt. Von den Teilnehmern an der Umfrage hatten knapp 4.000 über einen Zeitraum von fünf Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen.

Mit Abstand am häufigsten genannt wurden Depressionen (79%), gefolgt von Ängsten (64%) und Belastungs-reaktionen (27%).

Belastungssreaktionen entstehen zum Beispiel nach traumatischen Erlebnissen. Weiterhin wurden genannt:

  • Persönlichkeitsstörungen (20%),
  • Essstörungen (18%),
  • Missbrauch (z.B. Alkohol, 12%),
  • Abhängigkeiten (Süchte, 8%).

Häufig wurden mehrere psychische Probleme genannt. weiterlesen »

Depression und Alter

Schlosspark Machern bei Leipzig

Depression gehört neben dementiellen Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Das Suizidrisiko steigt mit zunehmendem Alter, insbesondere bei Männern, an. Grundsätzlich unterscheidet sich die Altersdepression nicht von einer Depression bei jüngeren Menschen. Und doch gibt es einige Besonderheiten, die zu einer Altersdepression führen können und dass diese oft nicht oder spät erkannt wird.

Schwere Depressionen sind im Alter nicht unbedingt häufiger anzutreffen. Laut der aktuellen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts (DEGS) erkranken 8,1% aller Personen im Alter von 18 – 79 Jahren im Laufe eines Jahres an einer Depression. Betrachtet man nur die über 70 Jährigen, so sind es 6,1%. Leichtere Depressionen oder Depressionen, bei denen nicht alle Symptome vorliegen sind zwei bis drei Mal häufiger bei älteren Menschen zu finden. Diese Störungen gehen mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Gesundheit und Lebensqualität einher.

Die Frage, inwieweit körperliche Erkrankungen, die im Alter häufiger auftreten, zu Depressionen führen, ist nicht so einfach zu beantworten. Typische Symptome einer Depression, wie zum Beispiel Schlaf- oder Antriebsstörungen, können auch im Zusammenhang mit einer körperlichen Krankheit auftreten, ohne dass eine eigenständige depressive Erkrankung vorliegt. weiterlesen »

Altersdepression – von 100 auf 0

Geschafft! Die Rente ist erreicht. Endlich! Kein Stress mehr, kein schlecht gelaunter Chef, keine nervigen Kollegen. Ruhe! Endlich Ruhe! Und Zeit … viel Zeit. Zeit für die Kinder, die Enkel, für Reisen, Sport, Hobbys und endlich mal Zeit für sich selbst.

Herrlich, so ein Rentnerdasein. Oder doch nicht? Millionen von Arbeitnehmern sehnen sich nach dem Tag, an dem sie ihr Renteneintrittsalter erreicht haben. Dann wollen sie all das nachholen, Was sie Jahrzehntelang nicht geschafft haben. Und dann ist er da, der so lang ersehnte Tag. Der Tag, an dem es für viele von 100 auf 0 geht – mit fatalen Folgen.

20% der älteren Menschen leiden an einer Altersdepression, in Pflegeheimen steigt dieser Anteil auf 30 bis 40%. Warum fallen viele ältere Menschen bei Erreichen der Rente in ein Loch aus Niedergeschlagenheit, Unlust, Sinnlosigkeit und Trauer?

Abgesehen von organischen Ursachen, die eine Depression auslösen können, ist es vor allem der plötzliche Wandel des gewohnten Lebensrhytmusses, der viele ältere Menschen in eine Depression gleiten lässt.
Es ist unausweichlich – weiterlesen »

Psychosoziales Coaching im Jobcenter Leipzig – ein Kommentar

Mirko Seidel, Burnout-Therapeut und Coach in Leipzig

Es ist eine gute Sache, sich um die Widereingliederung von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu kümmern. Und es ist eine gute Sache, Menschen mit psychischen Störungen zu helfen. Beides wurde mit dem Pilotprojekt des Jobcenters Leipzig getan. Und doch hatte ich dem lesen der Pressemitteilung des Stiftung Deutsche Depressionshilfe einen schalen Nachgeschmack.

Da ist zunächst der Name des Projektes: „Psychosoziales Coaching“. Im Rahmen des Projektes werden Angestellte im Jobcenter von Mitarbeitern des Psychosozialen Coachings geschult, Hinweise auf psychische Erkrankungen zu erkennen. Das ist gut. Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig. Im Erstgespräch mit einem Psychologen werden eine ausführliche Anamnese sowie ein klinisches Diagnostikgespräch durchgeführt. Im Anschluss erhält der Betroffene Informationen zu seiner Erkrankung, eine Beratung zu Behandlungsmöglichkeiten, Kurzinterventionen und die Möglichkeit an Gruppenprogrammen teilzunehmen.

Aha, der Betroffene wird also zum Psychologen geschickt, erhält eine klinische Behandlung. Auch wenn davon nichts in der Pressmitteilung steht, eine Verabreichung von Medikamenten dürfte Bestandteil dieses Programms sein. Das alles ist klassische Schulmedizin und hat mit Coaching nichts zu tun.
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