Burnout

Tagebuch eines Burnout-Falls

Odyssee durch die Behörden

Von meinem bisherigen Arbeitgeber hatte ich mich durch einen Aufhebungsvertrag getrennt. Für das Arbeitsamt ist ein Aufhebungsvertrag dasselbe, wie eine Kündigung – es gibt drei Monate Sperre, sofern keine schwerwiegenden Gründe für den Aufhebungsvertrag vorliegen. Ob es Gründe für diesen Vertrag gab, wurde erst einmal nicht geprüft. Mir wurde gleich an den Kopf geschmissen, dass ich erst einmal eine dreimonatige Sperre bekomme.

Ich gab in meinem Antrag an, selbstständig zu arbeiten mit mehr als 15 Stunden pro Woche. Das war ein Fehler. Denn damit stand für das Amt fest, ich bin selbstständig und bekomme keine Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, in die ich 15 Jahre lang eingezahlt hatte. Dagegen legte ich natürlich Widerspruch ein, denn meine Selbstständigkeit bestand zu diesem Zeitpunkt aus Ausbildungen und dem Erstellen von Internetseiten. Geld verdiente ich nicht.

Vorsichtshalber ging ich zum Jobcenter, um ALG II zu beantragen. Die Dame am Empfang sagte zu mir: „Herr Seidel, nun müssen Sie also ALG II beantragen?“ Ich antwortete: „Nein, ich muss nicht, ich will.“, was die Dame mit einem ungläubig-erstaunten Gesichtsausdruck quittierte. Das hatte ihr wohl bisher noch niemand gesagt.

Beim Ausfüllen des Hartz-IV-Antrages kam mir wieder die altbekannte Frage in den Sinn: Was mache ich hier eigentlich? Das Ausfüllen des Antrages war das erniedrigendste, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich beschloss, den Antrag nicht abzugeben. Wer nun glaubt, man könne einen einmal abgeholten amtlichen Antrag einfach so nicht wieder abgeben, der irrt. Ich bekam mehrere Schreiben des Jobcenters, Termine und natürlich die üblichen Drohungen, was man denn mit mir machen könne, wenn ich denn nicht …

Das war mir egal, weder gab ich den Antrag ab noch nahm ich die Termine wahr und irgendwann ließ mich das Jobcenter dann auch in Ruhe.

Ich wurde begutachtet für berufsunfähig erklärt. Der erste Schritt war geschafft, das Amt konnte mich nun nicht mehr in meinen Beruf vermitteln. Das hieß aber noch lange nicht, dass meine Selbstständigkeit anerkannt gewesen wäre.

Schließlich landete mein ganzer Vorgang auf dem Schreibtisch eines Verwaltungsangestellten, es war der bis dahin sechste Mitarbeiter im Arbeitsamt, dem ich gegenüber gesessen hatte. Und es war der erste, der mich verstanden hat. Er erkannte meinen Widerspruch an, gab mir Tipps, wie ich den neuen Antrag formulieren soll, damit nicht wieder ein Falle für mich entsteht und bewilligte mir den Gründerzuschuss.

Geschafft, nach fünf Monaten bekam ich mein Arbeitslosengeld und konnte mich um meine Selbstständigkeit kümmern. Und das wichtigste war, das Amt ließ mich in Ruhe.

Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder.

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Autor: Mirko Seidel am 23. Mai 2015 15:17, Rubrik: Burnout, Texte & Gedanken, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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