Burnout

Tagebuch eines Burnout-Falls

Nachdenken über den Tag X

Was an diesem Donnerstag passierte, nenne ich heute den Tag X. Es war die Zäsur meines bisherigen Lebens und der Beginn von etwas ganz Neuem, auch wenn ich damals noch nicht die Spur einer Ahnung hatte, wie das Neue aussieht.

Wie kam es zu diesem Tag X?

Das zu analysieren und hier zu erzählen, dauert Stunden. Und auch heute, fast drei Jahre danach, kann ich darauf keine abschließende Antwort geben.

Nüchtern gesagt, Burnout kann entstehen, wenn Menschen sich für andere einsetzen und aufopfern und dabei ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche in den Hintergrund stellen. Es verwundert daher nicht, dass besonders in solchen Berufen, in denen die Hilfe für andere im Vordergrund steht, besonders viele Burnoutfälle auftreten, z.B. in Pflegeberufen.

Burnout kann aber auch auftreten, wenn ich meine Arbeit über alles andere stelle, keinen Ausgleich und keine Erholung mehr in der Freizeit finde oder gar keine Freizeit mehr habe.

Burnout entsteht, wenn ich keinen Sinn mehr in dem sehe, was ich tue und wenn ich mich zu weit von mir selbst entferne – von meinen Fähigkeiten und Stärken, von meinen Werten und Überzeugungen, von dem, was mich ausmacht.

Fehlende soziale Kontakte, falsche Ernährung, ein ungünstiges soziales Umfeld tun ihr Übriges dazu.

Im Juli 2012 hatte ich 15 Jahre in leitender Position in einem Planungsbüro gearbeitet. Das Büro ist in Sachsen-Anhalt, wo ich auch bis 2010 lebte. Dann zog ich nach Leipzig und es kamen täglich 2 Stunden Fahrzeit zwischen Wohnung und Arbeit hinzu. Seit 2008 hatte ich zwei Büros zu bedienen. Es kam noch mehr Fahrzeit hinzu, die Arbeit wurde aber nicht weniger.

Im Juli 2012 war ich Mitglied in vier Vereinen. In drei Vereinen saß ich im Vorstand, ich war Vorsitzender eines eben erst gegründeten Landesverbandes. Allein die letzte Aufgabe kam einem Vollzeitjob gleich. Arbeiten gehen, zwei Büros, vier Vereine und zwei Stunden Fahrtweg zur Arbeit täglich – mein Leben fand auf der Autobahn statt.

Das alles wäre ja vielleicht noch auszuhalten gewesen, wenn da nicht der immer größer werdende Sinnverlust auf Arbeit gewesen wäre. Meine Arbeit beschäftigte sich mit Europäischen Förderrichtlinien und Förderprogrammen. Ich hatte Einblicke in die Landesverwaltung. Was ich erlebte, war eine immer größer werdende Bürokratie, immer größer werdender Druck, immer kompliziertere Verfahren, immer weniger Geld für diejenigen, für die es bestimmt war und im Gegenzug immer mehr Ausgaben für Verwaltung, Papier und Kontrolle.

Und da war noch etwas: ich konnte nicht Nein sagen, ich wollte es allen Recht machen. Ich wollte mich kümmern, am besten um alles.

Wer nicht Nein sagt, wird ausgenutzt.
Wer es allen recht machen will, der macht es am Ende keinem recht.
Wer sich um alles kümmert, kümmert sich um nichts richtig.

Schließlich türmte sich die Arbeit zu einem Berg auf, der jeden Tag drohte, mich zu erschlagen. Fehlende Anerkennung, Vorwürfe, immer mehr Leistungsforderung und die ständige Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“ brachten zuerst Ernüchterung, dann Sinnentleerung. Gut machen kann ich nur das, wofür ich brenne. Zuerst stirbt das innere Feuer – die Seele ist ausgebrannt. Dann stirbt das geistige Feuer – man funktioniert und macht Dienst nach Vorschrift.

Burnout ist keine Krankheit. Und das nicht nur, weil Burnout im ICD 10 nicht vorkommt. Burnout beschreibt einen Zustand des seelischen Ausgebranntseins, der geistigen Leere gepaart mit körperlichen Beschwerden.

Sinnleere, Konzentrationsmangel, Aufmerksamkeitsdefizit, Schlafstörungen, innere Unruhe, Müdigkeit, mangelnder Optimismus, Depressionen, Aggressivität, Passivität, Abgestumpftheit, Suizidgedanken, sind nur einige der seelischen und geistigen Symptome.

Die körperlichen Symptome sind ebenso vielfältig und können von Tinitus und Hörstürzen, über Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Hautproblemen bis zu Tumoren, Krebs, Schlaganfällen und Herzinfarkten reichen.

Und dort liegt ein Problem in der Therapie von Burnout. Fachärzte betrachten nur ihr spezifisches Problem. Die Zusammenhänge zwischen seelischen, geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen erkennen nur die Wenigsten.

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Tagebuch eines Burnout-Falls

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Autor: Mirko Seidel am 7. Mai 2015 15:16, Rubrik: Burnout, Texte & Gedanken, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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