Burnout

Tagebuch eines Burnout-Falls

Auf dem Weg zum Tag X

Ende Juni 2012 chattete ich mit einem Freund. Wir kannten uns seit drei Jahren, haben uns einmal in der Woche in einer Sauna getroffen. Dort war ich schon seit Wochen nicht mehr.

Er fragte mich, was mit mir los sei. Ich antwortete ihm: „Was willst Du hören? Etwas Nettes oder die Wahrheit?“. Er entschied sich für die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass ich völlig am Boden war, lustlos, antriebslos. Auf Arbeit habe ich mich nur noch geschleppt. Alles, was ich anfasste, hatte keinen Sinn mehr. Die wenige Freizeit nutzte ich dazu, irgendwie zur Ruhe zu kommen. Die Wochenenden verbrachte ich auf der Couch, um Montagmorgen wie gerädert aufzustehen. Ich funktionierte nur noch.

Ich war ausgebrannt. Das war mir auch völlig klar und ich schrieb meinem Freund, es sei nun nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den absoluten Tiefpunkt erreicht habe.

Es sollte noch etwa drei Wochen dauern, dann war er da, der absolute Tiefpunkt. Den letzten Tag auf Arbeit, ich arbeitete damals in einem Planungsbüro, es war ein Donnerstag, verbrachte ich damit, meinen Schreibtisch aufzuräumen und persönliche Dinge einzupacken. Das tat ich nicht bewusst. Irgendetwas in mir wusste wohl schon, dass dies mein letzter Tag an meinem Schreibtisch sein sollte. Nur ich wusste es noch nicht.

Ich hatte das Gefühl, ich sitze in einem dunklen Fahrstuhl und dieser rast ungebremst in die Tiefe. Kein Licht, kein roter Knopf. Ich wartete auf den Aufprall. Nachdem ich am Nachmittag noch zwei Termine hinter mich gebracht hatte, war ich schließlich zuhause.

Der Fahrstuhl raste weiter in die Tiefe. Zu sagen, meine Stimmung war am Boden, wäre zu optimistisch für das, was ich innerlich fühlte. Absolute Leere.

Schließlich setzte ich eine Not-SMS an einen Freund ab, schrieb ihm, was mit mir los ist und dass wir uns nun um den Notfallplan kümmern müssen.

Er kam und bot mir an, bei ihm zu übernachten. Er hätte mir auch anbieten können, mich ins Krankenhaus zu bringen oder nackt auf dem Marktplatz Samba zu tanzen – mir war alles egal. Ich war nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu entscheiden. So fuhr ich mit ihm mit. An diesem Abend redeten wir. Seine Frage, ob ich am nächsten Tag zum Arzt gehe, konnte ich nicht beantworten.

Die Frage ging mir die ganze Nacht nicht aus dem Kopf, schlafen konnte ich eh nicht. Nein, ich wollte noch einmal auf Arbeit fahren, schließlich gibt es ja viel zu tun und viel zu regeln.

Am nächsten Morgen saß ich auf dem Balkon mit einer Tasse Kaffee. Wie ferngesteuert nahm ich mein Handy und schickte an meine Kollegin eine SMS. Ich schrieb, dass ich den bis dahin furchtbarsten Tag und die furchtbarste Nacht hinter mir hatte und ich nicht auf Arbeit kommen werde. Es ging nicht mehr.

An diesem Tag ging ich zum Arzt, wurde krankgeschrieben. Zunächst für eine Woche – es sollten mehr als 14 Monate werden.

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Tagebuch eines Burnout-Falls

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Autor: Mirko Seidel am 5. Mai 2015 09:21, Rubrik: Burnout, Texte & Gedanken, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

Eine Reaktion zu “Tagebuch eines Burnout-Falls”

  1. Sven Lehmann schreibt

    Es ist leider mit uns Menschen so, wie mit jedem funktionierenden System … wir gehen gern an die Grenzen der Auslastung und achten zu wenig auf Erholung oder Pausen.

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