Burnout

Tagebuch eines Burnout-Falls

Die ersten Tage nach dem Tag X

Seit Juli 2012 schreibe ich ein Tagebuch. Der nachfolgende Text stammt aus diesem Tagebuch.

Originaltext Tagebuch

    Immer noch Freitag. G. steht auf, wir trinken Kaffee und essen Kuchen. Worüber wir geredet haben, weiß ich nicht mehr. Seine Frage, ob ich zum Arzt gehen werde, kann ich nicht eindeutig beantworten. Er fährt mich noch Hause und bietet mir an, heute Nacht wieder bei ihm […] zu schlafen. Ich weiß es noch nicht, aber es ist gut, Freunde zu haben.

    Von da an funktioniere ich. Ich gehe zur Post und gebe Briefe ab, dann gehe ich zum Arzt. Ich muss einen Strich ziehen. Der Arztbesuch kostet mich Kraft. Ich war erst einmal bei der Ärztin, kann mich nicht an sie erinnern. Wie wird sie reagieren, was wird passieren? Das Gespräch ist eigenartig, kommt mir aber entgegen. Ich erzähle der Ärztin, was los ist, sie fragt, ob ich einen Therapeuten habe und schreibt mich krank. Keine weiteren Fragen. Ich werde krankgeschrieben – eine Woche. Zu wenig, aber ein Anfang.

    Zuhause angekommen bin ich kaputt, erst mal hinlegen, nachdenken: wie weiter? Was muss ich tun? Kein wilder Aktionismus, ich brauche Zeit, ich brauche Ruhe.
    Den Nachmittag verbringe ich mit ausruhen, ich kann ein paar Minuten schlafen, was erholsam war. Schließlich gehe ich in meine Badewanne. Ich will eine CD hören, sie läuft nicht, also Radio. Das geht gar nicht. Das Gedudel und das inhaltsleere Gelaber dazwischen nerven mich. Also eine andere CD einlegen. Nach dem Baden bin ich körperlich kaputt, ich kann mich nur wieder hinlegen der Fahrstuhl fängt wieder an, nach unten zu rasen. Drei Stunden liege ich, schlafe immer wieder kurz ein und wache wieder auf. 20.15 entscheide ich, ich muss erst mal wieder aufstehen – es geht nicht, Ich brauche eine Stunde, ehe ich die Kraft dazu habe. Fernsehen kann ich nicht.

    Ich verliere den Bezug zu Zeit. Ich schaue auf die Uhr und lese die Zeit – sie sagt mir nichts, ich kann nicht mehr einschätzen, was ich zu dieser Tageszeit eigentlich tun müsste. Ich will etwas zu essen kochen, schaffe es aber nicht.

Wer mit Depressionen in die Mühlen der Schulmedizin gerät, wird entweder darin zermahlen oder er schafft es, aus eigener Kraft wieder herauszukommen.

Ich war also krankgeschrieben. Der Hausärztin erzählte ich von meinen Symptomen. Es war nicht notwendig, dass sie mich den üblichen Fragekatalog zur Feststellung einer Depression abfragte. Aber zwei Dinge hätte sie abfragen müssen: erstens, ob es jemanden gibt, der sich um ich kümmert und zweitens, ob ich Selbstmordgedanken habe. Sie fragte mich das nicht und das war aus meiner Sicht grob fahrlässig.

Die Ärztin schickte mich nach Hause. Eine Woche später war ich wieder bei ihr. Ich fragte, ob sie mir einen Psychologen empfehlen könne. Sie fragte mich: „Wollen Sie das jetzt schon machen“ Ja, ich wollte, es musste ja weiter gehen. Sie empfahl mir eine Psychologin, ich rief an und bekam nach sechs Wochen einen Termin. In diesen sechs Wochen ist aus medizinischer Sicht nichts passiert.

Nach sechs Wochen war ich also zum ersten Mal bei einer Psychologin. Nach einem etwa 15 bis 20 minütigen Gespräch sagte diese mir: „Ich weiß auch nicht, wie ich Ihnen helfen kann“. Toll, das war genau das, was ich hören wollte. Ich sprach an, ob denn ein Platz in einer Tagesklinik sinnvoll wäre. Ja, das gibt es, aber sie wusste auch nicht, ob das das Richtige für mich wäre. So tat die Psychologin das, was sie kann – Tabletten verschreiben. Ich musste noch einige Untersuchungen über mich ergehen lassen und dann hielt ich den rosa Zettel in der Hand.

Ich hatte seit 2004 keine Medikamente mehr genommen. Zum Arzt bin ich gegangen, weil ich als Angestellter eine Krankschreibung brauche. Die Rezepte habe ich immer brav mitgenommen und zuhause weggeschmissen. So wollte ich es auch dieses Mal wieder halten.

Doch dann passierte etwas. Mitte September 2012 hatte ich einen erneuten Termin bei der Psychologin. Die Praxis liegt ca. 2 km von meiner Wohnung entfernt. Eine Strecke bin ich bis dahin immer gelaufen, damit ich Bewegung habe, die zweite Strecke bin ich mit der Straßenbahn gefahren, weil es zu anstrengend war, noch einmal zu Fuß zu gehen. Auch an diesem Tag lief ich morgens in die Praxis. Aber irgendetwas war anders. Ich überlegte. Soll ich der Psychologin wirklich sagen, dass ich Tabletten nehme und es mir natürlich immer besser geht, obwohl ich die Tabletten nicht nehme? Nein. Ich habe mir die Risiken und Nebenwirkungen durchgelesen und hatte darauf keine Lust. Es waren inzwischen 10 Wochen seit dem Tag X vergangen, in denen es niemanden interessiert hatte, ob ich Tabletten brauche. Und es ist in diesen 10 Wochen auch sehr gut ohne gegangen. Nein, ich sagte der Psychologin, dass ich die Tabletten nicht nehme, begründete ihr das auch und erntete einen entsetzten und verständnislosen Gesichtsausdruck.

Der Termin war schnell vorbei. Die Ärztin hatte keinen Plan B und ich keine Lust, meine Zeit bei ihr zu vertrödeln. So trennten sich unsere Wege.

An diesem Tag war etwas passiert. Die Schwere war weg, die Antriebslosigkeit, die Erschöpfung. Weg, über Nacht. Ich lief von der Psychologin wieder nach Hause. Dort angekommen war ich keineswegs müde und kaputt sondern begann, meine Wohnung zu putzen. Das war zwei Monate nach dem Tag X.

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Tagebuch eines Burnout-Falls

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Autor: Mirko Seidel am 13. Mai 2015 08:31, Rubrik: Burnout, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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