Persönlichkeitsentwicklung

10 Monate Theaterprojekt „selbst&los“

Ein (Selbst-)Erfahrungsbericht

Das Theaterprojekt "selbst&los" (Foto: Sven Lehmann)

Das Theaterprojekt „selbst&los“
(Foto: Sven Lehmann)

Viele Menschen spielen in ihrer Freizeit Theater. Aus Spaß, aus Lust, sich zu präsentieren, um mit Gleichgesinnten Zeit zu verbringen. Die Motive sind vielfältig. Theater spielen kann auch ein Mittel sein, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Diese Erfahrung habe ich mit dem Theaterprojekt „selbst&los“ der Leipziger Selbsthilfe gemacht.

Im Juli 2015 erhielt in eine E-Mail mit der Ankündigung, dass für ein Theaterprojekt der Leipziger Selbsthilfe Mitspieler gesucht werden. Das klang interessant und ich ging zum ersten Treffen. Grundlage des Projektes war ein Kurztext, der sich mit dem Thema der Suche nach dem Platz im Leben beschäftigte.

Das erste Treffen drehte sich um organisatorische Fragen und vor allem um die Frage, woher kommt das Geld für das Projekt. Dann passierte einige Wochen nichts und im September 2015 war es dann soweit – die Finanzierung durch die AOK war gesichert und das Projekt konnte starten. Begleitet wurde das Vorhaben von einer ausgebildeten Theaterpädagogin und einer Studentin.

Ich hatte keine Vorstellung, wie aus einem Kurztext von gerade einmal anderthalb Seiten ein Theaterstück von einer Stunde Dauer werden sollte. Ich dachte mir das so: Am Anfang machen wir Übungen zur Sprache, zum Ausdruck, zu Körperhaltung, Mimik und Gestik. Dann legt uns die Regisseurin das fertige Stück auf den Tisch und sagt: „So, Text lernen, nächste Woche beginnen die Proben“.

Weit gefehlt. Die Arbeit begann mit dem Kennenlernen aller Mitspieler, mit Aufbau von Vertrauen. Wir arbeiteten an unserer Sprache, aber mehr noch an unserem körperlichen Ausdruck. Wir assoziierten zu Begriffen, stellten in Standbildern und kurzen Szenen das dar, was wir mit einem Wort oder einem Gefühl in Verbindung brachten.

Das war sehr lehrreich für mich. Wie schaffe ich es, ein Wort, ein Gefühl in eine Pose, in eine Geste oder mimisch auszudrücken? Ohne Worte? Es geht und es zeigte mir, wie wichtig der körperliche Ausdruck ist, vielleicht manchmal wichtiger, als die Sprache. Wir stellten Szenen dar, Szenen, die wir mit Ereignissen in unserem Leben in Verbindung gebracht haben. Und dadurch lernten wir uns auch immer besser kennen. Wir erfuhren spielerisch, was die anderen Mitspieler in ihrem Leben schon alles erlebt hatten. Freudiges und weniger Freudiges.

So verliefen die Proben über mehrere Monate, von einem Theaterstück war noch nichts zu sehen. Meine Erwartung, die Regisseurin legt uns eines Tages das fertige Stück auf den Tisch, erfüllte sich nicht. So ganz nebenbei passierte etwas, was ich noch nicht erkannte – all das, was wir improvisierten, wurde akribisch notiert. Und dann kam der Tag, an dem Regisseurin uns den ersten Akt übergab – zusammengestellt aus dem, was wir in den Monaten vorher spielerisch, mit Leichtigkeit erarbeitet hatten. Und so entstanden auch der zweite Akt und der dritte Akt. Das Stück war komplett.

Entstanden war eine Collage in drei Akten, die sich mit den Fragen beschäftigte:

  • Woher komme ich?
  • Kann ich hier bleiben?
  • Wo will ich hin?

Wir hatten kein Theaterstück mit fester Handlung, keinen Hauptdarsteller, keine festen Rollen. Wir hatten einen Querschnitt aus dem Leben aller Mitspieler. Wir hatten Handlungsfreiheit, konnten bei den Proben noch verändern, ausprobieren. So entstand ein von Laiendarstellern geschriebenes und von Profis veredeltes Theaterstück aus dem Leben.

Die Proben dauerten 10 Monate. Wir waren neun Darsteller. In zehn Monaten passiert so einiges. Die Darsteller lernen sich kennen, kommen sich näher, erfahren viel voneinander, auch Dinge, die nicht zum Theaterstück gehören. Wir durften teilhaben an freudigen und weniger freudigen Ereignissen im Leben der Mitspieler. Wir erlebten Höhen und Tiefen. Wir mussten auch erleben, dass ein Mitspieler wenige Wochen vor der Premiere aus gesundheitlichen Gründen aussteigen musste.

Doch all das entmutigte uns nicht. Wir hatten ein Ziel: Wir wollten unser Stück auf die Bühne bringen. Wir wollten erzählen. Diese Ziele schweißten uns zusammen, aller Zweifel und Rückschläge zum Trotz.

Und dann war es soweit. Premiere im Juli 2016. Die Aufregung war groß. Wie viele Besucher werden kommen. Wird alles klappen? Werden wir unseren Text vergessen? Unsicherheit. Und doch war da auch die Überzeugung, sehr gut vorbereitet zu sein und was noch viel wichtiger war: Wir spielten ja nicht irgendein Stück eines vor Jahrhunderten verstorbenen Dichterfürsten – wir spielten uns selbst, unser Leben, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Sorgen und Ängste.

Premiere – ein voller Erfolg. Das Lob der Zuschauer war überwältigend. Einige sagten, das Stück habe sie so tief berührt, dass sie den Tränen nahe waren. Der Premiere folgten noch zwei weitere Vorstellungen, die ebenfalls erfolgreich waren. Geschafft. Die Anspannung der letzten Wochen war verflogen. Wir haben unser Ziel erreicht, erfolgreich und erfüllt von Freude und Stolz.

Was hat mir das Theaterprojekt persönlich gebracht? Neben der Erkenntnis, wie ein Theaterstück spielerisch und durch Improvisation entsteht sind es vor allem Erfahrungen meiner persönlichen Entwicklung. Ich habe erkannt, wie schwer es sein kann, Worte, die alltäglich sind, körperlich auszudrücken. Ich habe gelernt, körperliche Ausdrucksstärke zu zeigen. Und ich habe gelernt, laut zu sprechen. Ich habe etwas zu sagen, also lass ich es raus.

Das Theaterprojekt „selbst&los“ hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig Vertrauen ist. Es hat mir gezeigt, was man erreichen kann, wenn alle an einem Strang ziehen und ein gemeinsames Ziel haben. Ich bin dankbar, dass ich Einblick in das Leben mir bis dahin unbekannter Menschen erhalten durfte und ich bin dankbar, dass alle Mitspieler offen und vertrauensvoll mir gegenüber gewesen sind.

Danke an alle Mitspieler. Danke an die Regisseurin. Danke an die Assistentin. Danke an das Publikum. Danke an die AOK.

Lesen Sie auch, wie ein Zuschauer das Stück gesehen hat.

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