Politik & Gesellschaft

Mein Unwort des Jahres 2016: TOLERANZ

Das Wort ist allgegenwärtig, wird gern gebraucht wenn es darum geht, vermeintlich fremdes, andersartiges, von der Norm abweichendes zu erklären.

Inflationär werben Politiker, Experten und selbsternannte Gutmenschen immer wieder für dasselbe – Toleranz.

Für mich ist das Wort Toleranz eines der ungeeignetsten Wörter wenn es darum geht, jeden Menschen in seiner ihm eigenen Art anzunehmen und zu respektieren. Kurz gesagt –Toleranz ist mein persönliches Unwort des Jahres 2016.

Was heißt Toleranz? In Grimms Wörterbuch heißt es:

    toleranz, im 16. jh. entlehnt aus lat. tolerantia, duldsamkeit, […] toleranz heiszt: wenn man fünf gerade sein läszt, welches doch nicht ist, obgleich wir an jeder hand fünf finger haben. […] toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende gesinnung sein; sie musz zur anerkennung führen. […] im münzwesen s. v. a. remedium, die geduldete kleine abweichung vom gesetzlichen gehalt und gewicht

Die letzte Erklärung ist die interessanteste – die geduldete kleine Abweichung. In der Technik beschreibt Toleranz den Wert bzw. das Maß, in dem etwas von einem Standardwert abweicht.

Toleranz im Umgang mit Menschen bedeutet demnach, ich selbst habe mein Bild der Welt, das eine gewisse Abweichung zulässt und ich toleriere das, was sich innerhalb meines persönlichen Wertemaßstabes bewegt. Darüber hinaus aber nichts.

Die Toleranz-Gurus würden sicherlich aufschreien bei dieser Meinung. Und doch rate ich dazu, sich des eigenen Toleranzbereiches und seiner Grnezen bewusst zu werden. Dürfen verbale Attacken gegen Menschen, die vermeintlich anders oder fremd sind, toleriert werden? Dürfen Aufmärsche von als rechtsradikal eingestuften Menschen toleriert werden?

Wer diese Fragen bejaht, der toleriert nicht mehr, er erkennt andere Menschen mit ihrem Bild der Welt an. Er zeigt Verständnis, ohne gleich einverstanden zu sein. Wer die Fragen verneint, bewegt sich in seinem persönlichen Toleranzbereich, der jedoch nichts mit einem respektvollen und offenen Umgang mit anderen Menschen zu tun hat.

Nun kann man die berechtigte Frage stellen, wie es mit der Toleranz aussieht, wenn aus verbalen Attacken tätliche Angriffe werden? Ist ein respektvoller und offener Umgang noch angebracht, wenn Menschen zu Schaden kommen? Eine schwierige Frage. Wer anderen Menschen ohne ersichtlichen Grund Schaden zufügt, verdient die Härte des Gesetzes. Er sollte jedoch auch die Chance bekommen, sein Verhalten zu erklären, ihm sollte zugehört werden und ihm sollte die Chance gegeben werden, sein Verhalten ändern zu können, wenn er dazu bereit ist. Das erfordert viel Respekt, das erfordert Offenheit, das erfordert auch, über die Grenzen seiner selbst auferlegten Toleranzgrenzen zu springen.

Wer in kleingeistig-ideologischen Denkmustern festhängt, wird weiter nach der Toleranz brüllen. Wer in der Lage ist, sein Bild der Welt gleichwertig neben allen anderen Bildern von der Welt zu sehen, dem wird es gelingen, respektvoll und anerkennend mit Verständnis auf andere, vor allem anders denkende Menschen, zuzugehen.

Ich wünsche mir für 2017 weniger Toleranz und mehr Respekt, Anerkennung und Verständnis.

Quelle: http://woerterbuchnetz.de/DWB/

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