Politik & Gesellschaft

Transparenz durch Glas?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass heute die meisten öffentlichen Gebäude und Banken großzügige Glasfassaden haben? Ein moderner Baustoff, offen, transparent…

Glas ist transparent. Was hinter den Fassaden passiert auch? Politiker werden nicht müde zu betonen, dass sie mehr Transparenz schaffen, den Bürger teilhaben lassen, Informationen offen legen, mit dem Bürger kommunizieren wollen. Und als Metapher werden dann gläserne Fassaden gebaut. Ein schönes Beispiel: das Bundeskanzleramt in Berlin. Der monumentale Gebäudekomplex ist das größte Regierungshauptquartier der Welt, achtmal größer als das Weiße Haus in Washington.

Das „Kohllosseum“ oder „Bundeswaschmaschine“, wie der Berliner Volksmund das Haus nennt, protzt an seiner dem Reichstag zugewandten Hauptfront mit einem geradezu schwindelerregenden dynamischen Wechsel von Beton- und Glasflächen mit vorgestellten Betonpfeilern, deren Sinn sich dem Betrachter nicht immer erschließt. Glas, viel Glas prägt die Fassade. Ein fledermausartig anmutendes Zeltdach saugt den ehrfürchtig Schauenden förmlich in das Gebäude hinein. Zu dumm nur, dass vor dem in Glas und Beton gegossenen Sinnbild der Transparenz ein hoher Metallzaun steht, an dem der in die Sogwirkung Geratene unweigerlich am Vordringen gehindert wird.

Wie siehts nun hinter der Fassade mit der Transparenz aus? Nüchtern betrachtet könnte man sagen, die Scheiben müssten mal wieder geputzt werden.

Warum nun aber diese förmliche Anbiederung, diese schon fast diktatorisch anmutende Demonstration? Warum wird ein Gebäude missbraucht, um einen Regierungswillen zu manifestieren? Vielleicht liegt die Antwort in dem banalen Grundgedanken, dem der Entwurf des Gebäude zugrunde gelegen haben könnte: Wenn wir viel Glas verbauen kann jeder reingucken und es kann hinterher keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Dann hätten die Demokraten in Berlin tatsächlich etwas dazugelernt. Die nur wenige hundert Meter vom Bundeskanzleramt gelegene, heute nicht mehr existente Neue Reichskanzlei jedenfalls war ein massiger Klotz mit viel Stein und wenig offener Fläche. In ihrer Protzigkeit und den Menschen klein machenden Wirkung nehmen sich die beiden Gebäude allerdings nichts.

Was hat es auf sich mit der Transparenz? Zu viel Transparenz kann gefährlich sein. Politiker könnten in Versuchung geraten, sich selbst als den stärksten Vertreter von Interessen darzustellen. Das führt zu überzogenen Verhandlungspositionen, Kompromisse scheitern, Politik wird ineffizient. Kommt mir bekannt vor.
Der wohl bekannteste und im Deutschen Bundestag schon alltäglich gewordene Effekt sind Stimmänderungen aufgrund öffentlichen oder parteiinternen Drucks trotz besseren Wissens.

Wenig oder gar keine Transparenz bietet Freiraum zur Diskussion und ermöglicht einen freien, wenn auch geheimen Austausch zu heiklen Themen. Das ist gut, warum soll sich der deutsche Durchschnittsbürger auch mit solchen unbequemen Themen, wie Waffenlieferungen in diktatorisch regierte Staaten, auseinander setzen? Da reicht es doch völlig aus, wenn ich weiß, dass ich vor dem Zaun durch die Glasfassade des Kanzleramtes schauen kann und weiß, dort drinnen ist alles transparent.

Ein bisschen stört da nur Artikel 20 des Grundgesetzes. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. […] Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“.

Ach! Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnt Kriegseinsätze der Bundeswehr im Ausland ab oder steht diesen zumindest zurückhaltend gegenüber. Trotzdem schicken der Deutsche Bundestag und die Bundesregierung Soldaten in den Krieg. Das verstößt gegen das Grundgesetz.

Ich habe das Recht, ja die Pflicht, Widerstand gegen diese Rechtsverletzung zu leisten. Darf ich jetzt eine Scheibe im Kanzleramt einschmeißen?

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