Politik & Gesellschaft

Warum ist Mord strafbar?

Blöde Frage! Mord gehört zu den schlimmsten Verbrechen, die wir kennen. Er ist gesell-schaftlich geächtet, passt nicht in unser westlich-demokratisches Wertesystem. Und er wird darum hart bestraft, bis zu lebens-länglicher Haft drohen einem Mörder.

Na gut. Aber wenn Mord so etwas Schlimmes ist, warum kann ich ihn dann täglich -zigfach im Fernsehen miterleben?

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland 497 Menschen ermordet. Die Rate sank seitdem kontinuierlich auf 298 im Jahr 2014. Auf 100.000 Einwohner kommen in Deutschland 0,8 Morde, in Frankreich ist es ein Mord, in den USA 4,7 Morde.

Man lebt in Deutschland also relativ sicher, was die Wahrscheinlichkeit angeht, ermordet zu werden. 298 Morde im Jahr – im Fernsehen passieren – gefühlt – so viele Morde an einem Tag.

Sonntag, ab 20.15 Uhr im Programm der ARD – kein Tatort ohne mindestens ein Mordopfer. Montag bis Freitag im Vorabendprogramm des ZDF – eine SOKO nach der anderen ermittelt durch das mordlüsterne Deutschland und wird nur ca. eine halbe Stunde später von den nächsten SOKOs, Cops und Hafenpolizisten abgelöst. Zur Ehrenrettung des ZDF sei gesagt, es wird im Vorabendprogramm nicht nur gemordet. Es wird auch geraubt, betrogen, gelogen, entführt, geschlagen, missbraucht, gedealt.

Im Hauptabendprogramm zieht sich die Mordspur vom Spreewald bis nach Friesland und von Berlin über Leipzig nach München. Und im Spätprogramm schaut man dann gern mal nach Schweden oder Großbritannien, wie dort gemordet wird. Vielleicht kann man ja noch was lernen. Und natürlich wird jeder Mord von spitzfindigen, oft verschrobenen, die Grenzen der Legalität streifenden und manchmal auch übertretenden Kommissaren aufgeklärt. Manchmal in Rekordzeit von 45 Minuten, die schweren Fälle dauern auch schon mal 90 Minuten.

Mordrepublik Deutschland mit 100% Aufklärungsquote im Fernsehen. Die Realität scheint nahe dran zu sein, etwa 95% der Morde in Deutschland werden aufgeklärt. Offiziell. Rechtsmediziner und Kriminalisten gehen aber davon aus, das etwa die Hälfte der Morde und Totschläge in Deutschland nicht als solche erkannt werden. Damit sinkt die Aufklärungsquote auf unter 50%.

Das Fernsehen scheint nicht mehr ohne Mord auszukommen. Liegt es an der Sensationslust der Zuschauer? Will das Fernsehen mit seiner 100%-Quote uns sagen: Ihr braucht keine Angst zu haben, ihr seid sicher und wenn ihr doch mal ermordet werdet, dann wird das Verbrechen garantiert aufgeklärt, totsicher?

Oder liegt es einfach daran, dass den Fernsehmachern nichts mehr einfällt und sie die Tristesse ihrer Machwerke durch spektakuläre Bilder übertünchen wollen? Wer aufmerksam hinschaut, der schaut in Pistolenmündungen, in angstverzerrte Gesichter der künftigen Opfer, der sieht das Blut spritzen oder auf den Boden fließen, dem wird der Moment des Eindringens der Kugel in den menschlichen Körper in Nahaufnahme gezeigt, der sieht das Opfer mit schmerzverzerrtem Gesicht und unter Schreien theatralisch zuerst auf eine Tischkante und dann auf den Boden fallen oder noch besser, aus dem Fenster oder vom Balkon stürzen. Horror, untermalt von dramatischer Musik. Und Schnitt. Auftritt des noch verschlafenen, schlecht gelaunten Kommissars, der sich erste einmal einen Kaffee kommen lässt.

Der allabendliche, blutunterlaufene Nervenkitzel scheint viele Menschen in ihren Bann zu ziehen. Warum sonst werden so viele Krimis mit Morden ausgestrahlt. Wenn keiner die Filme anschauen würde, würden sie auch nicht gesendet werden. Ist es der Wunsch nach Aufregung im sonst so eintönigen und grauen Lebensalltag? Ist es das Mit-Ermitteln mit dem TV-Kommissar und seinen Lakaien und das Wissen, wenn der Mörder am Ende gefasst ist „Ich habs ja gleich gewusst, dass der es war“?

Ist es die Gier nach Sensation, nach Spannung, nach etwas, was im wahren Leben nicht stattfindet?

Vielleicht ist es da, vielleicht gibt es andere Gründe. Die massenhafte Darstellung von Morden im Fernsehen und die immer garantierte Aufklärung des Mattscheibenverbrechens führen zu zwei Dingen. Sie lenken viele Menschen ab von ihren Alltagstrott und führen in ein spannendes Abenteuer, das man wohl im wahren Leben niemals erleben möchte. Dabei sein und trotzdem nicht erlebt. Schwein gehabt. Sie gaukeln eine Sicherheit vor. Jeder Mord wird aufgeklärt, das perfekte Verbrechen gibt es nicht, jeder Täter macht einen Fehler.

Die Realität sieht anders aus. Natürlich kann man sich allabendlich dem munteren Fernsehmorden hingeben zur Unterhaltung, Entspannung oder zum Gruseln. Jedoch steht die Frage: Was macht es mit mir, jeden Tag mindestens einen Mord im Fernsehen zu sehen? Hätte ich die Möglichkeit, jeden Tag einen echten Mord anzuschauen, würde ich das tun? Nein? Warum nicht? Weil es dann nicht mehr Fiktion ist, weil es kein Filmblut ist, weil das Opfer nicht wieder aufsteht, wenn der Regisseur „Cut“ ruft? Weil gar kein Regisseur das ist der sagt: „So, Schluss für heute, die Leiche machen wir morgen“?

Was macht es mit mir?

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung,
www.statista.com

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Autor: Mirko Seidel am 6. Feb 2016 09:56, Rubrik: Politik & Gesellschaft, Texte & Gedanken, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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