Politik & Gesellschaft

Wertewandel oder Werteverfall? Teil V – Die Ent-Wertung des Menschen

Die Ent-Wertung des Menschen beginnt schon früh, in der Schule. Die Frage, ob Schulen im ländlichen Raum geschlossen werden, wird nicht danach beantwortet, wie sich dadurch der Schulweg und damit die Belastung für die Schüler verändert, sondern danach, ob die Schule mit weniger Schülern effektiv betrieben werden kann.

Kinder werden zu Objekten der Finanzplanung degradiert. Ihnen wird gezeigt, dass es die Gesellschaft nicht für wert-voll hält ist, ihnen ein kind- und jugendgerechtes Bildungsumfeld zu schaffen. Gleiches gilt für überfüllte Hörsäle und Seminare in Universitäten. Die Bildung junger Menschen wird als wert-los erachtet.

Auch Rentner sind Bestandteil dieser menschlichen Ent-Wertung. Nach mehr als 40 Arbeitsjahren werden viele von ihnen mit einer Rente abgespeist, die zum Überleben nicht reicht. Ihnen wird gesagt, dass ihr Lebenswerk nichts wert gewesen sei. Dem entgegen stehen maßlos überhöhte Boni für Banker und Abfindungen für Manager, die versagt und der Gesellschaft mehr geschadet als genützt haben.

Die gesellschaftliche Ent-Wertung von Menschen geht noch weiter. Der Staat maßt sich an festzulegen, wie viel Geld ein ALG II-Empfänger zum Leben ausgeben darf. 359 € im Monat für eine alleinstehende Person sollen danach ausreichend sein für Nahrung, Getränke, Kleidung, Gesundheits- und Hygieneartikel, Freizeit und Kultur, Fahrtkosten, Übernachtung und Gaststätten. Für Bildung werden 0% gezahlt. Dem ALG II-Empfänger wird damit zum Einen klar gemacht, dass es der Gesellschaft bzw. der Politik zusteht, den Wert seines Lebens zu bestimmen und zum anderen, dass es als nicht wert-voll angesehen wird, dass er sich bildet.

Ihm wird die Möglichkeit und somit sein Grundrecht geraubt, selbst festzulegen, was er für sein Leben als wert-voll erachtet und über seinen Selbst-Wert zu bestimmen.
Der ALG II-Empfänger erhält die Möglichkeit, seine Bezüge – oder sollte man besser Almosen sagen – aufzubessern: mit einem 1-€-Job. Wieder wird der Leistungsempfänger erniedrigt. Er leistet eine Arbeit, für die ansonsten normal übliche Tarife oder Löhne bezahlt werden müsste, für einen Euro in der Stunde, was einer Be-Wertung seiner Leistung gleichkommt – sie hat nicht mehr Wert, als eben diesen einen Euro. Damit ist allerdings nicht der geschaffene Wert an sich gemeint, sondern die Leistung, die dieser Mensch vollbringt.

Politiker rechtfertigen den Kriegseinsatz von Soldaten damit, die westlich-demokratischen Werte gegen Terroristen verteidigen zu müssen. Welche Werte aber sind es, die da verteidigt werden? Ist es der Wert der Freiheit, für den wir eine lückenlose Überwachung in Kauf nehmen müssen? Ist es der Wert billiger Kleidung, den wir uns von schlecht bezahlten und unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeitenden Frauen aus Bangladesch erkaufen? Ist es der Wert voller Supermarktregale, für den wir Pflanzen genmanipulieren und Tiere unter qualvollen Bedingungen halten und ermorden? Ist es der Wert, mit 250 km/h über die Autobahn zu rasen und damit die Umwelt zu vergiften? Sind es diese Werte wert, verteidigt zu werden?

Selbst-Wert

Das eigene Wertesystem beginnt beim Selbst-wert. Nur wenn ich mir selbst etwas wert bin, kann ich auch andere Menschen als wert-voll anerkennen, kann ich den Wert von Pflanzen, Tieren und Rohstoffen erkennen. Was aber ist der Selbst-Wert? Wir alle kennen das Bild von Bettlern, die uns in den Fußgängerzonen der Großstädte Pappbecher entgegenstrecken und um ein paar Cent betteln. Natürlich ist es strategisch besser, die Passanten nach ein paar Cent zu fragen, als nach einem Hundert-Euro-Schein. Was aber ist mit dem Selbst-Wert dieser Menschen? Er ist im Centbereich angekommen. Ist sich dieser Mensch selbst nicht so viel wert, so viel Geld zu haben, dass er davon leben kann? Vielleicht war dieser Mensch einmal erfolgreich, hatte einen gute Arbeit, eine Familie, Kinder und ein glückliches Leben. Aber dann ist erst der Job verlorengegangen, die Kinder haben sich losgesagt, die Frau ist davon gelaufen, die Wohnung wurde gekündigt und geblieben ist der Platz auf der Straße. Der Wert des Menschen ist Stück für Stück gesunken, weil sein Finanz-Wert oder Markt-wert gesunken ist. Er hat staatliche Leistungen bezogen – ALG I, dann ALG II. Staat und Gesellschaft haben ihm gesagt, dass er immer wert-loser geworden ist. Parallel zum Markt-wert ist auch der Selbst-Wert dieses Menschen gesunken. Er ist der gesellschaftlichen Vorgabe gefolgt – du hast keinen gut bezahlten Job, also bist du auch nichts wert.

Jeder Mensch hat einen Wert. Es gibt keinen Menschen, der nicht irgendetwas kann oder irgendetwas weiß, dass es nicht wert wäre, anderen Menschen zu sagen oder anzubieten. Dieses Bewusst-Sein fehlt aber vielen Menschen, die auf den unteren Sprossen der sozialen Leiter angekommen sind. Staatliche Reglementierungen und Gängelungen tun ihres dazu. Das Potenzial, dass durch das Abschieben auf das gesellschaftliche Abstellgleis solcher Menschen verloren geht, ist gigantisch und eigentlich kann es sich kein Staat leisten, auf diese Potenziale zu verzichten. Jeder Arbeitslose, jeder Empfänger von Sozialleistungen ist ein ausfallender Steuer- und Abgabenzahler. Jedes Wissen und jedes Können, dass nicht der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird, stellt einen Verlust an geistigem und manuellem Wachstum dar.

Anderes Beispiel – Asylbewerber. Sie kommen in unser Land in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Schutz vor Krieg und Verfolgung. Ihnen wird vorgeschrieben, wo und wie sie zu leben haben und wo sie sich aufhalten dürfen – sie sind es nicht wert, angemessen und menschlich leben und sich frei bewegen zu dürfen. Ihnen wird die Möglichkeit verwehrt, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen – sie sind es nicht wert, in unserer Leistungsgesellschaft arbeiten zu dürfen. Sie müssen jeden Tag mit ihrer Abschiebung rechnen – sie sind es nicht wert, ihr Leben planen zu können. Diese Menschen werden bei der Überschreitung der Grenzen unseres Landes entwertet wie ein Fahrschein in der Straßenbahn und am Schluss genau so achtlos weggeworfen.

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