(Lebens-)Energie

Work & Life – wie komme ich in Balance?

Impulsvortrag zum „Tag der Familie 2016“ an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, 02. November 2016

Der Begriff Work-Life-Balance steht für einen Zustand, in dem Arbeitsleben und Privatleben miteinander in Einklang stehen – soweit die Definition. Was genau steckt hinter dem Begriff, der sich seit einigen Jahren inflationär entwickelt und verspricht, Arbeit und Leben ausbalancieren zu können?

Work-Life-Balance ist Quatsch! Work-Life-Balance ist ebensolcher Quatsch wie Zeitmanagement oder Selbstoptimierung.

Allein der Begriff Work-Life-Balance suggeriert, dass es Arbeit und Leben gibt. Wir leben also auf Arbeit nicht, oder wie darf ich mir das vorstellen?

In den letzten Jahren hat der Satz „Nicht dem Leben mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben“ seine Runde gemacht. Sinnvolle Tätigkeit, auch als Arbeit bezeichnet, die Spaß und Freude bringt, und das Leben gehören untrennbar zusammen, sofern wir ein glückliches und zufriedenes Leben führen.

Der Begriff Work-Life-Balance und alle, die ihn propagieren, gehen davon aus, dass Arbeit etwas anderes sei und abseits des Lebens passiert. Ursachen für diese Einschätzung können Überforderung oder Unterforderung im Arbeitsleben sein.

Der Beruf, gegebenenfalls auch mehrere Berufstätigkeiten zur gleichen Zeit, Familie, soziale Aktivitäten, Freizeit u.v.a. werden im Zusammenhang mit Verwendung des Begriffs Work-Life-Balance als unterschiedliche Lebensbereiche verstanden, die im Gleichgewicht gehalten werden sollen und sich gegenseitig möglichst nicht behindern und sich idealerweise gegenseitig unterstützen.

Das Erreichen der Ausgeglichenheit zwischen Arbeit und Leben wird auch als eine Aufgabe der Bereitstellung von Ressourcen betrachtet. Dabei werden Zeit, Geld und Entscheidungsfreiräume am häufigsten genannt. Weiterhin spielen persönliche Eigenschaften im Sinne physischer, psychologischer, emotionaler und sozialer Ressourcen eine weitere Rolle.

Die Suche nach der Work-Life-Balance hat sich längst zur Manie entwickelt. Manche Menschen jagen dem perfekten Ausgleich von Arbeit und Leben hinterher, obwohl schon der Begriff eine Mogelpackung ist, die zwei Extrempole suggeriert, die so gar nicht existieren.

Wer arbeitet, lebt – da gibt es keinen Gegensatz.

Arbeit ist Leben, Arbeit ist existenzieller Bestandteil des Lebens, es geht nicht um entweder … oder …, es geht um die symbiotische Verbindung aller Lebensbereiche zu einem stimmigen, harmonischen Ganzen, einer Stärkung und Befruchtung aller Lebensbereiche untereinander.

Tatsächlich kann der Kaffee am Montagmorgen im Büro nach einem aufreibenden Wochenende genauso entspannend sein, wie das Feierabendbier auf der Couch.

Wer meint, er arbeite nur um seinen Lebensunterhalt zu sichern, sitzt einem gefährlichen Irrglauben auf. Wie psychologische Studien zeigen, braucht der Mensch seine Arbeit, um glücklich zu sein.

Mir drängt sich immer mehr der Eindruck auf, Arbeit ähnelt eher so etwas wie Muskelaufbau – Sie muss weh tun, sonst bringt sie nichts. Entsprechend gestresst sind manche Menschen bei ihrem Tagwerk, arbeiten sich krumm und kaputt oder sogar tot. Und am Ende steht die Frage: Arbeitest du noch oder lebst du schon? Was für ein Lebens-Trauerspiel!

Die Frage heißt also nicht: Work & Life – wie komme ich in Balance? Die Frage heißt: Wie komme ich im Leben in Balance?
Für die Beantwortung dieser Frage gibt es keine Patentantwort. Diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten.

Um der Antwort näher zu kommen, ist es sinnvoll, sich zuerst zwei Fragen zu stellen:

  • Was ist Leben für mich?
  • Wie sieht mein ideales Leben aus?

Die erste Frage: „Was ist Leben für mich?“ bedarf einer individuellen philosophischen Betrachtung.
Was ist Leben? Atmung, Bewegung, Fortpflanzung … was noch?
Arbeit, eine sinnvolle Betätigung, Anerkennung, soziale Bindungen, Teil einer Gemeinschaft sein, Selbstverwirklichung,
oder doch nur das Sein selbst?

Wie sieht mein ideales Leben aus?

  • Wo will ich leben?
  • Wie will ich dort leben?
  • Was will ich arbeiten?
  • Wie sieht meine Freizeit aus?
  • Welchen Stellenwert haben Freunde und Familie?
  • Wie viel Geld brauche ich für mein Leben?
  • Was ist mir wichtig? – soziales Engagement, Abenteuer, Spaß, Gefühl, gebraucht zu werden …

Erst, wenn ich mir das Bild meines idealen Lebens erdacht und schriftlich festgehalten habe kann ich abwägen, welchem Bereich meines Lebens ich welche Priorität gebe.

Es ist überhaupt nicht schlimm, eine Karriere mit viel Arbeit und viel Geld anzustreben, jedoch muss ich mir genau überlegen, ob dann auch noch eine Familie mit Kindern in dieses Leben passt.

Über die Balance in unserem Leben müssten wir uns eigentlich überhaupt keine Gedanken machen. Unser Körper gibt uns sehr deutlich zu verstehen, wenn wir aus der Balance sind, z.B. durch Ermüdung, Lustlosigkeit, Krankheiten.

Wir erkennen diese Signale unseres Körpers oft nicht oder übergehen sie oder werfen eine Pille ein und weiter geht’s mit Volldampf. Welch ein Irrsinn.

Die Zahl der Beschäftigten, die leistungssteigernde Mittel einnehmen, um dem Druck und den wachsenden Anforderungen stand zu halten, betrug im Jahr 2014 knapp drei Millionen (offiziell).

Welche Anforderungen werden an Arbeiter und Angestellte gestellt? Flexibilität, Dynamik, ständige Erreichbarkeit, Multi-Tasking-Fähigkeit, Kreativität und immer lächeln.

Reale oder eingebildete Ängste steigern den Druck – drohender Verlust des Arbeitsplatzes, sozialer Abstieg, Einschränkungen im Leben – der Druck steigt, die Belastbarkeit sinkt und parallel dazu die Leistungsfähigkeit, die Gesundheit leidet und im schlimmsten Fall kommt der totale Zusammenbruch mit der ärztlichen Diagnose: Depression oder Burnout.

Spätestens dann ist das Leben völlig aus der Balance gekommen. Und dann stellt sich auch nicht mehr die Frage nach dem Ausgleich zwischen Work und Life – dann geht es nur noch um Life im Minimalbetrieb. Mehr ist gar nicht mehr möglich.

Pläne sind etwas wunderbares, vor allem dann, wenn sie nicht eingehalten werden. Das Leben ist nicht langfristig planbar. Das heißt nicht, dass ich im Leben keine Ziele haben sollte. Ziele und Pläne sind zwei verschiedene Dinge.

Ein Lebensziel zu haben, scheint uns Menschen eigen zu sein. Es gehört zu unserem Selbst, Ziele zu verfolgen. Das kann das große Lebensziel sein, das kann aber auch das nahe liegende, kleine Ziel sein.

Es ist gut, einen Plan zu haben, wie ich mein Ziel erreiche. Der beste Plan ist der, den ich mache und gleich wieder vergesse – Ziele erreicht man durch „Machen“ und nicht durch „Planen“.

  • Denken Sie sich zuerst im Kopf aus, wie Sie es machen wollen.
  • Und dann machen Sie es so.

Vielleicht müssen wir auch gar nicht über Balance reden, sondern über Rhythmus.

Der Mensch ist keine Maschine, die sich an- und ausschalten lässt. Es gibt Phasen im Leben, die verlangen volle Konzentration und vollen Einsatz, auch über das normale Maß von 8 Stunden Arbeit am Tag hinaus. Schlaf wird in diesen Phasen zur Mangelware, Familien- und Freundschaftspflege zum Luxus. Doch diese Phasen gehen vorbei und ihnen folgen in der Regel Zeiten des Ausgleichs. So sollte es zumindest sein-

Allein diese Abwechslung sorgt schon in gewisser Weise für Balance, genau wie Wach- und Schlafphasen auch. Unser Körper ist jedoch kein Computer und folgt nicht einem digitalen System im Sinne von 0 = schlafen; 1 = wachsein. Menschen sind rhythmische Wesen – man spricht auch vom Bio- oder Chronorhythmus.

Unsere kreativen Hochphasen liegen über den Tag verteilt, unterschiedlich, je nachdem ob wir eher zu den Nachtmenschen zählen oder Frühaufsteher sind.

Wer produktiver und ausgeglichener werden will, sollte nicht nach permanentem Ausgleich suchen, sondern vielmehr seinen eigenen Rhythmus finden. Und das gilt für einen Tag genau so, wie für Zeiträume von Wochen, Monaten und Jahren. Dabei geht es nicht darum, die Zeit zu managen, sondern vielmehr die eigene Energie. Die Zeit lässt sich nicht managen – der Tag hat nur 24 Stunden.

Wer z.B. alle 90 Minuten eine Pause macht, weil danach ohnehin die Konzentration sinkt, schafft sich einen Rhythmus, der dem Wesen des menschlichen Körpers entspricht. Vor allem ist es wichtig, dem eigenen Rhythmus nicht zuwider zu arbeiten, denn genau das bringt uns aus der Balance.

Die Auseinandersetzung mit der Zeit ist eine gute Sache, keine Frage. Aber sie führt nicht zum Ziel. Sie kratzt nur an der Oberfläche. Sie wird zum Balance-Akt, weil wir das Gefühl bekommen, mit ein wenig besser organisierter Zeit besser leben und arbeiten zu können. Das ist ein Fehler.

Ein optimiertes Zeit- und Selbstmanagement, das nur dazu dient, mehr Dinge in den Tagesablauf hinein zu pressen, muss scheitern. So verdichten wir nur den Druck.

Ohne eine klare Vorstellung davon, was sich wie ändern soll und warum, bleiben Zeitmanagement-Methoden letzten Endes bloße Techniken.
Erst die Öffnung der Betrachtung weg von der Fokussierung auf die Arbeit hin zum gesamten Leben gibt dem Ausgleich einen tieferen Sinn und ermöglicht, die Zeit den für uns wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.

Dahinter stecken Fragen, wie:

  • Warum will ich mich überhaupt verändern?
  • Welche Freiräume schaffe ich mir durch mehr Ausgleich?
  • Und was will ich damit (besser) machen?

Oder anders: welchen Nutzen hat mein neues Verhalten? Und ist er größer als der Nutzen meines jetzigen Verhaltens?

Ein weit verbreiteter Fehler der Work-Life-Balance-Gurus ist, Lebensbereiche auszuklammern. Dabei wird dann zwar der Akt des Arbeitens optimiert und ausgeglichen, während alle anderen sozialen Kontexte unberührt bleiben. Dabei würde Zeit, die man beispielsweise seinem Hobby widmet, wiederum der Familie fehlen. Echter Ausgleich muss daher alle Lebensbereiche berühren. Und dazu braucht es eine klare Vision oder ein klares Ziel.

Egal, ob Tellerwäscher, Fließbandarbeiter, Manager, Freiberufler oder Unternehmer – für alle gilt: Wer seinen Beruf nicht liebt, der wird davon weder erfüllt, noch Außergewöhnliches schaffen. Mit der richtigen Einstellung ist Arbeit keine Belastung, sondern eine Freude.

Nur wenn wir Arbeit als normalen Teil unseres Lebens begreifen und zusammen mit anderen Bereichen im Blick haben, können wir eine echte, individuell passende Balance erreichen und bewahren. Work-Life-Balance bedeutet eben nicht, dass alle Bereiche gleich stark ausgeprägt sind oder gleich viel Aufmerksamkeit erhalten. Es bedeutet jedoch, dass die Verteilung der Aufmerksamkeit und Energie von uns ganz bewusst nach unseren Wünschen gestaltet wird.

Neben der Work-Life-Balance etabliert sich ein neuer Begriff: Work-Life-Blending – die Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben.

Arbeitnehmer sind zunehmend, auch am Wochenende oder im Urlaub erreichbar, lesen ihre E-Mails, stehen für Telefonate oder Kunden zur Verfügung oder nehmen ihre Arbeit mit nach Hause.

Moderne Technik und flexible Arbeitszeitmodelle machen es möglich von überall zu arbeiten. Damit verschmelzen die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben zusehends. Das neue – unheilvolle – Phänomen nennt sich Work-Life-Blending. Statt nach einem ausgeglichenen Verhältnis von Arbeit, Familie, Freizeit usw. zu suchen, geht es nun um eine Verschmelzung. Das Ziel ist, einen fließenden Übergang von Arbeits- und Privatleben zu schaffen. Was die Work-Life-Blending-Jünger vergessen ist, dass damit die Arbeit immer mehr in andere Lebensbereiche eindringt, sie stört und ein Abschalten von der Arbeit immer schwieriger wird, von Erholung und Entspannung ganz zu schweigen.

Arbeitgeber preisen diese Verschmelzung gern als Flexibilität für den Arbeitnehmer, da sie ihm eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringen würde. Unsinn! Die Anhänger von Work-Life Blending sind Lebens-Blender.

Es kommt nicht darauf an, Arbeit und Leben in Balance zu bringen. Es geht nicht um entweder oder.

Es kommt darauf an, dass ein selbstbewusster und selbstbestimmter Mensch sich Gedanken über sein Leben macht und eine Vorstellung entwickelt, was für ihn ein erfülltes, glückliches, zufriedenes und sinnvolles Leben ist (nicht nur sinnvolle Arbeit). Das Ergebnis ist nicht statisch. Leben heißt Veränderung. Was mir heute wichtig ist, kann morgen keine Bedeutung mehr haben. Flexibilität ist eine gute Fähigkeit, wenn ich sie nutze für ein Leben in Balance in der Arbeit das Selbstverständlichste der Welt ist. Begraben wir die Work-Life-Balance auf dem Müllhaufen der Lebens-Verbesserer-Geschichte und bemühen wir uns um ein gelungenes Worklife – Lebenswerk.

Noch ein Tipp

Quelle: www.pixabay.deMachen Sie ein Experiment:

  • Schreiben Sie alle Tätigkeiten eines normalen Wochentages chronologisch auf.
  • Schätzen sie, wie viel Zeit Sie für jede Tätigkeit benötigen (in Minuten), ohne jedoch zusammenzurechnen.
  • Markieren Sie alle Tätigkeiten, bei denen Sie glauben, zu wenig Zeit zu haben, rot.
  • Ergänzen Sie Tätigkeiten, die gern machen möchten, jedoch keine Zeit dafür haben, schreiben Sie dazu, wie viel Zeit Sie dafür gern verwenden möchten und markieren sie diese rot.
  • Markieren Sie alle Tätigkeiten, bei denen Sie glauben, zu viel Zeit zu verbringen, grün.
  • Rechnen Sie die Minuten zusammen.
  • 1 Tag hat 1440 Minuten – wie viele Minuten stehen auf Ihrer Liste?
  • Mehr als 1440 oder weniger?
  • Schauen Sie auf ihre roten und grünen Tätigkeiten – wo können Sie einen Ausgleich schaffen.

Ganz wichtig: Seien Sie ehrlich zu sich selbst, wie Ziel Zeit verbringen Sie

  • vorm Fernseher?
  • am Handy?
  • mit dem Jagen von Pokemons?

Und vergessen Sie nicht:

  • Pausen sind wichtig,
  • Erholung ist wichtig,
  • Entspannung ist wichtig,

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