Politik & Gesellschaft

Flüchtlinge – das Wort des Jahres 2015

1971 wurde erstmals in Westdeutschland ein Wort des Jahres gekürt, seit 1977 jährlich. Flüchtlinge ist das Wort des Jahres 2015. Gekürt von der Gesellschaft für deutsche Sprache.

2.500 Wörter lagen der Jury zur Wahl vor. Diese begründete ihre Wahl damit, dass Flüchtlinge nicht nur für das beherrschende Thema des Jahres steht, sondern ist auch sprachlich interessant sei. Gebildet wird es aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling für eine Person, die durch eine Eigenschaft oder ein Merkmal charakterisiert ist.

Das beherrschende Thema im jahr 2015 – Griechenland und Terroranschläge in Frankreich sind also vergessen?

Für manche Menschen mag das Wort Flüchtling abschätzig wirken. Analoge Wörter, wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling sind negativ besetzt. Prüfling, Lehrling, Findling, Sträfling oder Schützling haben eine passive Komponente.
Daher mag wohl der Umstand herrühren, dass in den Medien immer öfter von Geflüchteten die Rede ist. Das klingt vielleicht besser, macht die Sache aber nicht besser.

Flüchtling ist ein altes Wort und dümpelt vielleicht schon seit Jahrhunderten in der deutschen Sprache herum. Und nun kommt es zu einer hohen Ehre – Wort des Jahres. Das schafft nicht jedes Wort. In den letzten Jahren waren es eher teils merkwürdige Wortschöpfungen, die es zum Wort des Jahres gebracht haben.

  • 2014: Lichtgrenze,
  • 2013: GroKo,
  • 2012: Rettungsroutine,
  • 2011: Stresstest,
  • 2010: Wutbürger,
  • 2009: Abwrackprämie

Was sagt das dagegen unspektakuläre Wort des Jahres 2015 über uns aus? Das Thema Flüchtlinge hat die öffentliche Diskussion in der zweiten Jahreshälfte 2015 geprägt, wie kaum ein anderes. Die massenhafte Zuwanderung hat Bürger und Behörden überrascht. Erstere spalteten sich in die üblichen drei Lager – dafür, dagegen, weiß nicht. Letztere haben sich scheinbar bis heute nicht vom dem Schreck erholt.

In Berichten oder Diskussionen im Fernsehen zum Thema Flüchtlinge beobachte ich oft eine gewisse Ratlosigkeit, eine Unfähigkeit mit dem Thema und seinen Folgen umzugehen. Bloß nicht schon wieder das Wort mit F. Mantraartig wiederholen Politiker ihre Forderungen nach einer gerechten Verteilung in Europa und das wir das jetzt endlich anpacken müssen. Doch sie packen nichts an. Bundeskanzlerin Merkel gab die Durchhalteparole aus „Wir schaffen das“. Doch sagte sie nicht, wer denn eigentlich was genau schaffen soll.

Flüchtling ist das Wort des Jahres 2015. Das ist keine Ehre für das Wort. Und erst recht nicht für die Schicksale der Menschen, die sich hinter dem Wort verbergen. Es ist für mich der Ausdruck, mit einem Problem, das wie ein Tsunami über uns gekommen ist, nicht umgehen zu können. Könnten wir damit umgehen, wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, das Wort Flüchtling als Wort des Jahres vorzuschlagen.

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