Freiheit

Die Würde des Menschen ist unantastbar …

… oder die Überflüssigkeit eines hohen Gutes

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Politiker werden nicht müde, auf das hohe Gut dieses Artikels hinzuweisen, der doch die freiheitliche Grundgesinnung des Staates widerspiegelt.

Was aber ist die Würde? Ist sie unantastbar? Und was genau sagt Artikel 1 des Grundgesetzes aus?

Dass ich mich mit diesen Fragen beschäftige hat einen ganz konkreten Hintergrund. Ich war auf einer Veranstaltung von ehrenamtlich Arbeitenden, bei der es um die Findung eines gemeinsamen Leitbildes ging. In der Diskussion kam der Begriff der Würde auf und die Fragen, was denn die Würde sei und wie man mit ihr umgeht. Ich konnte diese Fragen für mich nicht beantworten und so habe ich mich informiert und mir meine Gedanken gemacht.

Zuerst habe ich nachgeschaut, was die Wörterbücher zum Wort Würde sagen. Der Duden [1] definiert Würde als:

  • Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung,
  • Bewusstsein des eigenen Wertes (und dadurch bestimmte Haltung),
  • hohe Achtung gebietende Erhabenheit einer Sache, besonders einer Institution,
  • mit Titel, bestimmten Ehren, hohem Ansehen verbundenes Amt, verbundener Rang, verbundene Stellung,

Als Synonyme zu Würde bietet der Duden folgendes an [1]:

  • Grundrecht, Menschenrecht, Menschenwürde, Wert, Würdigkeit,
  • Autorität, Ehre, Ehrgefühl, Fassung, Gefasstheit, Grandezza, Haltung, Selbstachtung, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, Stolz, Vornehmheit, Wertgefühl; (gehoben) Hoheit, Majestät; (bildungssprachlich) Dignität, Gravität; (bildungssprachlich veraltend) Distinktion; (Psychologie) Selbstwertgefühl,
  • Andacht, Erhabenheit, Ernst[haftigkeit], Feierlichkeit, Festlichkeit, Getragenheit, Pathetik; (gehoben) Weihe; (bildungssprachlich, oft abwertend) Pathos; (veraltet) Solennität,
  • Amt, Betitelung, Charge, Dienst[bezeichnung], Prädikat, Rang[bezeichnung], Stelle, Stellung, Titel,

Nachdenklich machte mich das mir bis dahin völlig unbekannte Wort Grandezza, das eine hoheitsvoll-würdevolle Eleganz der Bewegung, des Auftretens, besonders bei Männern, beschreibt. Wo bleibt da die weibliche Würde?

Woher kommt das Wort Würde? Ich habe im Grimmschen Wörterbuch nachgeschaut. Würde kommt aus vom althochdeutschen wirdî und heißt Wert. Würde bezeichnet viel stärker als Wert den sozialen Rang und Stand und die aus ihnen resultierende Geltung und Ehre. [2]

Soweit zu den Wörterbüchern. Würde heißt also Wert und bezieht sich auf den gesellschaftlichen Wert.

Welchen Wert hat ein Mensch?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ lautet der volle Wortlaut des Artikels 1 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Erläuternd dazu heißt es: „Als Menschenwürde versteht man die Vorstellung, dass alle Menschen unabhängig irgendwelchen Merkmalen wie etwa Herkunft, Geschlecht oder Alter denselben Wert haben, da sie sich alle durch ein dem Menschen einzig gegebenes schützenswertes Merkmal auszeichnen, nämlich die Würde. Seine Verankerung als erste Norm des Grundgesetzes ist eine bewusste Reaktion auf die massive Missachtung der Menschenwürde im Nationalsozialismus.“ [3]

Der Schutz der Würde, respektive der Wert eines Menschen, ist das höchste Gut der Gesellschaft und oberster Auftrag des Staates. Was macht den Wert eines Menschen aus? Woran misst sich der Wert eines Menschen? Unterstellt diese Formulierung, dass Menschen einen unterschiedlichen Wert haben?

„Alle Menschen sind gleich“ ist eine relativierende Formel, die sehr gern von Menschenrechtlern verwendet wird. Alle Menschen sind definitiv nicht gleich. Jeder Mensch unterscheidet sich von allen anderen Menschen durch sein Aussehen, seine Wertvorstellungen und sein Verhalten.

Konfuzius hat sich da differenzierter ausgedrückt:

„Von Natur aus sind alle Menschen gleich, es sind ihre Gewohnheiten, die den Unterschied machen.“

Und tatsächlich sind im Moment der Geburt alle Menschen auf der Welt gleich – sie kommen nackt zur Welt. Sie werden in Lebensumstände geboren, die sie sich nicht aussuchen können. Das allein definiert noch nicht ihren Wert. Der Wert eines Menschen wird in großen Teilen der Welt dadurch festgelegt, wie das Umfeld diesen Menschen sieht und seine Lebensumstände in ein gesellschaftliches Wertesystem einordnet.

Voltaire hat es anders gesagt:

„Alle Menschen sind gleich; nicht die Geburt, nur die Tüchtigkeit macht den Unterschied“.

Voltaire unterscheidet also Menschen nicht nach ihren individuellen Merkmalen, sondern nach deren Tüchtigkeit. Der Duden definiert die Tüchtigkeit als gute Tauglichkeit in bestimmter Hinsicht [1]. Die Gebrüder Grimm benennen tüchtig, ebenso wie Tugend, als Ableitung zu taugen. [2]

Das Wort Tüchtigkeit unterscheidet Menschen danach, ob sie etwas taugen. Doch wer bestimmt, ob ein Mensch etwas taugt?

Diese Wertungen sind ist nicht naturgegeben, sie ist menschlich bestimmt. In einigen Ländern werden Mädchen nur wegen ihres Geschlechtes als minderwertig angesehen. In den Industrieländern wird der Wert eines Menschen nicht selten dadurch definiert, in welchen materiellen Verhältnissen er lebt, wie viel Geld er hat und was er in seinem Leben leistet, wobei die Wertung der Leistung wiederum an materiellen Gütern festgemacht wird.

Es gibt jedoch auch Länder, in denen die geistige Leistung eines Menschen als hoher Wert angesehen wird. Materieller Verzicht und ein leben in Armut wird in einigen Religionen als erstrebenswert angesehen.

Ob ein Mensch etwas taugt, wird meistens durch sein Umfeld festgelegt, das nach eigenen Wertmaßstäben urteilt.

Es gibt also keine Definition, die den Wert eines Menschen festlegt. Und da komme ich wieder zu der Frage: Hat ein Menschen einen Wert?

Ich habe diese Frag für mich schon vor einiger Zeit beantwortet. Ein Mensch hat keinen Wert. Jeder Mensch ist gleich wertvoll, egal was er tut, wer oder was er ist. Und damit ist für mich die Frage nach dem Wert eines Menschen überflüssig.

Ich komme zurück zur Würde. Die Notwendigkeit, die Würde im Artikel 1 des Grundgesetzes expliziert aufzunehmen ergab sich aus den Erfahrungen im Umgang mit Menschen im Dritten Reich. Die Schöpfer des Grundgesetzes sahen es als notwendig an, auf die Würde des Menschen hinzuweisen und diese unter den besonderen Schutz des Staates zu stellen. Das ist nachvollziehbar. Mir drängen sich drei Fragen auf:

  • Ist Artikel 1 des Grundgesetzes noch zeitgemäß?
  • Hält sich der Staat selbst an Artikel 1 des Grundgesetzes?
  • Was braucht es, um Artikel 1 des Grundgesetzes überflüssig zu machen?

Zu Frage 1: Ja, Artikel 1 des Grundgesetzes scheint mir auch heute noch zeitgemäß zu sein bzw. es besteht immer noch eine Notwendigkeit, ihn im Grundgesetz stehen zu lassen. Menschen werden auch heute noch würdelos behandelt, also in ihrem naturgegebenen Wert herabgesetzt. Auch in Deutschland und in Europa.

Zu Frage 2: Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den Ländern auf der Welt, in denen ein freiheitliches, selbstbestimmtes und würdevolles Leben für die Mehrheit der Menschen möglich ist und der Staat tut auch viel, um Artikel 1 des Grundgesetzes nicht als leere Worthülse stehen zu lassen. Er tut es aber nur so weit, wie der Staat selbst durch andere nicht in seiner Existenz gefährdet wird. Fühlt sich der Staat, bzw. seine Organe, existenziell bedroht, setzen diese Organe Artikel 1 außer Kraft, wie z.B. bei Berufsverboten aus politisch-ideologischen Gründen.

Zu Frage 3: Was braucht es, um Artikel 1 überflüssig zu machen? Wenn alle Menschen untereinander einen respektvollen, rücksichtsvollen und wertschätzenden Umgang pflegen würden, wenn Menschen einfach Menschen sind und nicht Flüchtlinge, Asylanten, Arme, Asoziale usw., wenn Menschen nicht danach bewertet werden, was sie verdienen bzw. was sie an materiellen Gütern haben, sondern wertfrei als Menschen mit besonderen Eigenschaften, Fähigkeiten und Lebensplänen angesehen werden, stellt sich die Frage nach dem Wert eines Menschen und damit nach der Würde nicht mehr. Der Begriff der Würde wäre überflüssig und damit auch Artikel 1 des Grundgesetzes.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – dieser geschrieben Satz hat nur Sinn, wenn er im Alltag der Menschen ankommt und gelebt wird. Die Würde als Wert zu erkennen und die Menschen wertfrei zu betrachten und anzunehmen ist heute noch keine Selbstverständlichkeit. Dieses hohe Gut kann nicht staatlich verordnet werden, es kann nur durch bewustsen Umgang mit anderen Menschen erlenrt und gelebt werden.

Quellen:
[1] www.duden.de
[2] www.woerterbuchnetz.de
[3] https://www.grundrechteschutz.de

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