Politik & Gesellschaft

Mein 9. November 1989

Bornholmer Brücke in Berlin

Bornholmer Brücke in Berlin

Heute jährt sich zum 30. Mal der Tag, an die Mauer in Berlin Risse und die innerdeutsche Grenze Löcher bekamen. Wohl fast jeder, der diesen Tag mit Bewusstsein wahrgenommen hat weiß noch, was er an diesem Tag gemacht hat.

Der 9. November 1989 war zunächst ein ganz normaler Donnerstag. Ich war damals Schüler der 11. Klasse an der Erweiterten Oberschule „Otto Grotewohl“ in Gera. Donnerstags fanden in meiner Heimatstadt Gera Demonstrationen für Freiheit und Demokratie statt. Und so verabredeten sich einige meiner Mitschüler und ich, dass wir uns, wie an den Donnerstagen vorher, gegen 17.00 Uhr an der Johanniskirche treffen.

So geschah es, ich ging zur Johanniskirche und nahm anschließend an der Demonstration teil, 25.000 Demonstranten sollen es an diesem Tag in Gera gewesen sein. Wir forderten lautstark Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Demokratie und Reisefreiheit.

Von der Pressekonferenz in Ostberlin mit Günter Schabowski erfuhren wir nicht. Wir hörten nicht den halb hingestammelten Satz Schabowski, in dem er fast wie beiläufig etwas verkündete, was noch in derselben Nacht Deutschland verändern sollte.

Rest der Inlandsmauer am Invalidenfiredhof in Berlin

Rest der Inlandsmauer am Invalidenfiredhof in Berlin

Gegen 21.30 Uhr war ich wieder zuhause und mein Vater empfing mich mit den Worten: „Die Mauer ist auf.“ „Ja, klar“, sagte ich. Und dann sah ich im Fernsehen die Rede Schabowskis, die Berichterstattungen aus Berlin. Die Öffnung des ersten Grenzübergangs an der Bornholmer Straße in Berlin um 23.39 Uhr erlebte ich am Fernseher nicht mit, da lag ich schon im Bett.

Viel spannender ist, was ich am 10. November 1989 gemacht habe. Nein, ich bin nicht in den Westen gefahren. Am 10. November habe ich zum ersten und einzigen Mal die Schule geschwänzt. Ich bin morgens in das Revier der Volkspolizei gegangen, habe mich in eine Schlange gestellt, um mir mein Visum in den Personalausweis stempeln zu lassen, der mir die Reise in den Westen ermöglichte. Danach habe ich bei der Staatsbank der DDR 15 Mark der Deutschen Demokratischen Republik in 15 Deutsche Mark umgetauscht.

Erinnerung an einen geflüchteten NVA-Soldaten an der Bernauer Straße in Berlin

Erinnerung an einen geflüchteten NVA-Soldaten an der Bernauer Straße in Berlin

Den Westteil Deutschlands habe ich zum ersten Mal am 18. November 1989 betreten. Zum ersten Mal sah ich diese Grenze, die Deutschland jahrzehntelang geteilt hatte und die unüberwindlich schien. Nun war sie offen. Nürnberg war die erste Stadt in der Bundesrepublik, die ich besucht hatte. Und ich war in einer anderen Welt. Auf dem Wochenmarkt gab es Obst und Gemüse, das ich bisher in meinem Leiben noch nie gesehen hatte und dessen Namen ich nicht einmal wusste. So hielt ich zum ersten Mal eine Kiwi in der Hand, ein Geschenk einer Nürnberger Marktfrau und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich wollte die Kiwi mit der Schale essen, heute weiß ich es besser.

In den letzten Tagen überschlagen sich die Medien angesichts des 30. Jahrestag dieses 9. November, der Deutschland, Europa und die Welt verändern sollte. Wohl hundertfach wird die Frage gestellt: „Was haben Sie am 9. November gemacht?“. Und immer erzählen Menschen mit Freude von diesem Tag, mit Freude von dem, was sie erlebt haben, wie sie diesen 9. November erlebt haben.

Heute frage ich mich manchmal, wo diese Freude, dieser Enthusiasmus, die Euphorie und die Zuversicht geblieben sind?

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Autor: Mirko Seidel am 9. Nov 2019 01:38, Rubrik: Politik & Gesellschaft, Texte & Gedanken, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,

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