Politik & Gesellschaft

Der Klimawandel, Friday For Future und eine hilflose Gesellschaft

Vor einigen Tagen erreichte mich diese E-Mail:

    Guten Tag, ich wollte mich mal aus Interesse, zu einem Thema erkundigen, da mein Sohn mich darauf gebracht hat und ich leider nicht antworten konnte.
    Bei den „Friday for Future“ – Demonstrationen kam eine Frage bezüglich unseres Wirtschaftssystems auf. „Ist unendliches Wirtschaftswachstum, wie der Kapitalismus es fordert, vereinbar mit einem endlichen Planeten“?
    Ich dachte es wäre bestimmt interessant zu erfahren, ob diese Frage gerade in Bezug auf den Klimawandel, generell im Unterricht etc. beantwortet wird ?
    Seiner Aussage nach, hat er allerdings in der Schule nichts über die Folgen vom Kapitalismus gelernt, weshalb ich wissen wollte, ob sie da genaueres wissen ?
    Mit freundlichen Grüßen

Und wenig später erhielt ich diese Nachricht über ein soziales Netzwerk:

    Friday for Future?

    Alle, die wie, ich in den 50er oder 60er Jahren geboren wurden, müssen uns heute anhören, wir ruinieren der Jugend das Leben. Ich muss Euch enttäuschen, denn in meiner Jugend wurde nachhaltig gelebt. Strümpfe und Strumpfhosen wurden gestopft. An Pullover wurden längere Bündchen gestrickt. Hosen wurden mit bunten Borten verlängert. Zum Einkaufen und zur Schule musste ich mehrere Kilometer zu Fuß laufen, transportiert wurden die Einkäufe in einem Netz. Wenn Kleidung nicht mehr brauchbar war, wurden alle noch verwertbaren Dinge wie Knöpfe oder Reißverschlüsse abgetrennt und der Rest für Flicken oder als Putzlappen genutzt. Geschenkpapier wurde vorsichtig geöffnet um es wieder zu verwenden. Wir sammelten Altpapier und Flaschen mit der Schule und halfen bei der Kartoffelernte. Ich könnte noch mehr dieser Art der Nachhaltigkeit aufzählen, stattdessen muss man sich von Rotzlöffeln die sich mit dem SUV zu Schule kutschieren lassen, alleine wahrscheinlich einen 20 mal höheren Stromverbrauch haben als wir in unserer gesamten Jugend, sagen lassen, wir ruinieren Ihr Leben. Wir hatten keine elektronischen Spiele, unser WhatsApp waren Zettel unter der Bank in der Schule verteilt, wir verabredeten uns mündlich, Telefon gab es keins – das war für Notfälle gedacht.
    Diese dämlichen Gören wollen mir etwas über Umweltschutz erzählen, werfen ihre Kleidung nach zweimal tragen weg, produzieren Müll ohne Ende, verbrauchen seltene Erden und müssen immer die neuesten Geräte besitzen.
    Auf euren Demos lasst Ihr EUREN Müll von Euren erwachsenen Sklaven wegräumen und am Wochenende geht es zum nächsten Open-Air-Konzert zum Koma-Saufen, auch euer Koma-Saufen gab es früher nicht. So und wenn ihr dann einmal so nachhaltig lebt wie meine Generation gelebt hat, dann dürft IHR gerne streiken.

Meine Antwort auf die E-Mail:

    Guten Morgen,

    danke für Ihre Nachricht. Ich weiß allerdings nicht, warum Sie gerade mir diese Frage stellen. Ich bin weder Philosoph noch Wirtschaftswissenschaftler. Ich habe dazu lediglich eine persönliche Meinung.

    Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte von Wachstum. Im Rahmen dessen, was der Mensch wusste, hat er sich immer weiterentwickelt und damit auch seine Umwelt beeinflusst und verändert. Ohne Wachstum keine Entwicklung und kein Fortschritt. Umweltkatastrophen sind keine „Erfindung“ unserer Zeit, es gab sie schon früher. Als die Hamburger viel Holt für ihre Schiffe brauchten, rodeten Sie die Waldgebiete um Lüneburg und schufen so die Lüneburger Heide, die erste Industriebrache Deutschlands, heute beliebtes Erholungsgebiet.

    Als der Mensch die Kohle entdeckte, brachte sie ihm den industriellen Aufschwung, Wohlstand und Wachstum. Ohne Stein- und Braunkohle wäre Deutschland heute keine Industrienation. Die Folgen der Kohlenutzung kannten die Menschen damals nicht.

    Das kapitalistische System ist auf Wachstum ausgerichtet, sonst funktioniert es nicht. Auch das sozialistische System war auch Wachstum ausgerichtet, ist jedoch an seinen strukturellen inneren Problemen gescheitert. Wachstum scheint zum natürlichen Lauf der menschlichen Entwicklung zu gehören. Es gab auch immer wieder Wachstumsbremsen. Kriege, Wirtschafts- und Finanzkrisen.

    Für mich steht nicht die Frage, ob es unendliches Wirtschaftswachstum gibt. Für mich steht die Frage, wie wir unser Wachstum so gestalten, dass wir Ressourcen schonen und unsere Umwelt nicht oder kaum belasten. Ungebremstes, rücksichtsloses Wachstum kann zur Katastrophe und letztendlich zum kompletten Niedergang führen.

    Ich finde es sehr gut, dass ein schwedisches Mädchen die Schule geschwänzt und sich gegen Klimawandel auf die Straße gesetzt hat und damit eine Weltbewegung ins Leben gerufen hat. Ich gehöre auch nicht zu denen, die gleich nach Schulschwänzerei und Strafen brüllen. Wenn das Klima und damit die Menschheit den Bach runter geht, ist es egal, ob die Kinder noch in der Schule waren. Es ist leicht von anderen zu fordern: „Macht was“. Unsere Regierung hat uns leider letzte Woche sehr deutlich gezeigt, dass sie unwillig und unfähig ist, wirklich etwas zu verändern.

    Veränderungen haben noch nie im Großen begonnen, sie haben immer im Kleinen begonnen. Wenn sich Schüler die Frage nach ungebremsten Wachstum stellen, müssen sie sich auch die Frage stellen, welchen Anteil sie an diesem ungebremsten und rücksichtslosen Wachstum haben – wie oft wechseln sie ihr Handy, wie oft laden sie ihr Handy auf, wo kaufen sie welche Kleidung, wie viel Müll produzieren sie und welche Art von Müll (Mc Donalds & Co). Und Eltern müssen sich fragen, ob es sinnvoll ist, das Kind jeden Morgen mit einem SUV in die Schule zu fahren.

    Durch Veränderung unserer Kaufverhaltens und unseres Lebensstils können wir Wachstum beeinflussen und in eine andere Richtung lenken. Wenn wir Wachstum verhindern wollen, dann müssen wir bereit sein, unseren Lebensstil aufzugeben – also wieder zurück in die Höhle 🙂

    Es ist gut, wenn Schüler das System hinterfragen und von Konsumenten zu mündigen und selbstständig denkenden Menschen werden.

    Mit freundlichen Grüßen

Meine Antwort auf die Sozial-Nachricht: keine. Dazu fällt mir nur eine Frage ein: Wer hat die Jugendlichen zu dem erzogen, was sie heute sind?

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Autor: Mirko Seidel am 23. Sep 2019 18:54, Rubrik: Politik & Gesellschaft, Texte & Gedanken, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben,

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